Kritische
Auseinandersetzung zu
Ritalin
Es
folgt eine Auswahl von aktuellen Zeitungsartikeln zum Thema Ritalin.
Inhalt:
Die
Epidemie der Rastlosigkeit und die Karriere des Koks für Kinder
Ritalin
Hilfe oder Sackgasse?
Seelische
und körperliche Folgeschäden
der Ritalineinnahme
Manipulierte
Ritalinstudie
Mit
Ritalin und Prozac
gefügig für die Globalisierung?
Entzugsklinik
für Ritalinkinder
Virtuelle
Welt
oder reales Leben?
Unterrichtsstil
und Hyperaktivität
Keine
besseren Schulleistungen
mit Ritalin
Wirkliche
Hilfe statt Ritalin
Hirnforscher
stellt
gängige Erklärungsmuster
in Frage
Hyperaktivität
und Bewegungslinie
des Kindes
Emotionale
Hintergründe
von Konzentrationsschwäche
und Hyperaktivität
Massive
Zunahme
an Ritalinverschreibungen
Uno
besorgt über Ritalinboom
Michael
ein Fallbeispiel
Ritalin und der
Zappelphilipp
Methylphenidate (Ritalin)
Stand: 27.10.2006
Die Epidemie der Rastlosigkeit und die Karriere des Koks für Kinder
Jörg Auf dem Hövel 17.10.2006
Am Beispiel der medikamentösen Behandlung der Aufmerksamkeitsstörung ADHS
zeigt sich, wie die Gesellschaft den frühen Umgang mit chemischen Substanzen
diskutiert - Teil 1
Aufmerksamkeitsdefizite, geringe Frustrationstoleranz, impulsives oder gar
aggressives Verhalten: Was sich liest wie die Charakterbeschreibung manches Fußballfans
ist in den Kinderarztpraxen der Republik das Diagnosebild eines Kindes mit
Aufmerksamkeitsstörung-Syndrom, kurz ADHS (Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung).
In einem Drittel aller Fälle heißt die Lösung Methylphenidat, Handelsname «Ritalin»
oder «Medikinet», ein Amphetamin-Derivat, das die Gedanken fokussiert. In
Deutschland erhalten zur Zeit täglich rund 60.000 Kinder und Jugendliche die
Substanz, in den USA und Großbritannien sind die Zahlen ähnlich.
An dem oft erbittert geführten Streit um Sinn und Unsinn der
medikamentengestützten Therapie des «Zappelphillip-Syndroms» lassen sich gut
die Eckpunkte einer Diskussion verorten, die zukünftig noch an Bedeutung
gewinnen wird: Welche geistigen Zustände will man fördern, welche sollen
Kindern nahe gelegt werden? Wie geht die Gesellschaft mit ihren kleinen und großen
Helfern in einer Zeit um, in der die Grenze zwischen Nahrungs- und Arzneimitteln
verschwimmt? Welche Rolle soll pharmakologische Beeinflussung spielen, wenn die «Wahrheit»
im Spannungsfeld zwischen organisierter Ärzteschaft, profitorientierten
Pharmafirmen, materialistischer Wissenschaft, besorgten Eltern und ungefragten
Kinder zu verschwinden droht?
Die Zahlen klingen eindeutig: Etwa 3-5% (300.000-500.000) der
Kinder und Jugendlichen in Deutschland sind von ADHS betroffen, Jungen gegenüber
Mädchen zwei- bis viermal häufiger. Rechnerisch sitzen in jeder Schulklasse
ein oder zwei Kinder, die unter ADHS leiden. Bei Erwachsenen schätzt man die Häufigkeit
auf nur etwa ein Prozent. Als goldener Weg gilt heute eine «modale Therapie»,
die nicht nur das Medikament als Wundermittel sieht, sondern die psychosozialen
Begleitumstände analysiert und nach Bedarf zu ändern versucht. Eltern- wie
Lehrertraining kann hierzu genauso gehören wie eine Verhaltens- und
Psychotherapie des Kindes. Aber hinter den Fakten versteckt sich ein seit Jahren
erbittert geführten Kampf um Deutungshoheit über die Krankheit.
Professoren wie der Facharzt für Kinder- und
Jugendpsychiatrie Götz-Erik Trott weisen darauf hin, dass das Syndrom
hyperaktiver Kinder schon im 19. Jahrhundert beschrieben wurde. Beliebtestes
Beispiel ist die berühmte Geschichte des Nervenarztes Heinrich Hoffmann, der
1845 in seinem «Struwwelpeter» mit dem Zappelphilipp dem ungesteuerten
Verhalten ein literarisches Denkmal setzte. Das Problem dabei: Eine genaue und
heute noch überprüfbare Diagnosetechnik lag damals nicht vor, das «hyperkinetische
Syndrom» wurde erst sehr viel später entdeckt. Oder erfunden, wie viele
Kritiker der ärztlichen Psycho-Kategorisierung sagen.
Die Diagnose
1902 veröffentliche der britische «Lancet» den
richtungsweisenden Aufsatz von Georg F. Still, der von Kindern mit «merklichen
Unvermögen, sich zu konzentrieren», berichtete. Seit dieser Zeit versucht man
dem Phänomen habhaft zu werden, aber so einfach wie bei «Kopfschmerzen»
funktionierte das nicht. Zunächst sprach man von «minimaler zerebraler
Dysfunktion» (MCD), was auf Schäden im Hirn hinwies, später von der «hyperkinetischen
Störung», was den Bewegungsdrang in den Vordergrund stellte. Aber das
Krankheitsbild war verwaschen, die «zerebrale Dysfunktion» war zudem im Hirn
nicht nachweisbar. «MCD: Leerformel oder Syndrom?», titelten daher 1987 Günter
Esser und Martin H. Schmidt in ihrem Buch.
Werbung für Methylphenidat aus den 60er Jahren
In genau diesem Jahr setzte der US-amerikanische
Psychiatrieverband dann auf das Kürzel ADHD, im Deutschen ADHS, das bis heute gültig
ist. Schon an dem Wandel der Begrifflichkeiten machen Kritiker die Ungenauigkeit
eines Diagnosebildes fest, das aus ihrer Sicht primär nach biochemischen Störungen
sucht, um diese in einem zweiten Schritt auch chemisch zu behandeln. So sagt
Dieter Mattner, Professor für Sozialpädagogik an der FH Darmstadt:
Auffällig an diesen neurobiologischen Konzeptionen
bleibt bis heute, dass innerhalb der diagnostischen Blickreduzierung dieser
Konzeptionen die oftmals als problematisch erkannten psychosozialen
Lebenshintergründe von betroffenen Kindern als mögliche primäre
Verursachungen der Verhaltensprobleme weitestgehend bewusst ausgeblendet
bleiben.
Der Wiener Satiriker Karl Kraus vermutete schon Anfang des
vergangenen Jahrhunderts: «Die Diagnose ist eine der häufigsten Krankheiten.»
Kritiker des ADH-Syndroms behaupten bis heute, dass sich die Krankheit in die
Reihe der unnützen und gefährlichen Psycho-Klassifikationen einreiht, die aus
einem unruhigen Kind einen pathologischen Fall macht.
Fakt ist bisher nur: Deutschland und die Welt sind aus der
Perspektive der Experten voller psychisch Gestörter. Im Katalog der Veteran's
Administration der USA waren nach dem Zweiten Weltkrieg gerade einmal 26 Störungen
notiert. Das auch in Deutschland gültige «Diagnostic and Statistical Manual of
Mental Disorders» (DSM-IV) der Vereinigung der amerikanischen Psychiater zählt
heute über 400 verschiedene Leiden auf. Addiert man die deutschen Angaben aus
dem Katalog zur Verbreitung psychischer Leiden, befinden sich zu jedem Zeitpunkt
knapp 60 % der Bevölkerung in geistiger Umnachtung oder anderen abnormalen Zuständen
- die Mitglieder des Bundestages noch nicht einmal abgezogen.
Kritische Eltern und Ärzte vermuten daher seit Beginn des
ADHS-Hypes, dass hier nur eine erneute Ausweitung des Beschäftigungsfelds der
Ärzteschaft vorgenommen wurde. 2002 urteilte der Kinderarzt Dietrich Schultz: «ADHS
ist insgesamt ein Konstrukt. Damit wird ein Verhalten von Kindern erklärt, das
unsere Gesellschaft hervorgebracht hat.» Aber ist es tatsächlich so einfach?
Die Forschung weist immer deutlicher darauf hin, dass die Anfälligkeit
für ADHS vererbbar ist. Allerdings stellt sich auch in diesem Bereich heraus,
dass die Gene nicht die Vorherrschaft haben: Soziale Komponenten müssen dazu
kommen. Und selbst dann ist das Syndrom keine Krankheit, die ausbricht wie die
Masern. Die Übergänge sind gleitend, der Raum zwischen eingebildeten,
herbeigeredeten, schwachen und starken Symptomen fließend, das Phänomen «gleicht
eher dem Übergewicht als den Windpocken», wie Manfred Döpfner, Professor für
Psychotherapie am Klinikum der Universität zu Köln, annimmt. Er behauptet,
dass nur bei einem Prozent eines Kinderjahrgangs die Diagnose völlig eindeutig
ist. Das Problem: Heute werden zwischen 3 und 15 % der Kinder mit ADHS
diagnostiziert.
Zur sicheren Diagnose von ADHS gehört Erfahrung, die so
mancher der konsultierten Ärzte und Psychiater nicht hat. Die DSM-IV
Liste für ADHS (1) fördert diagnostischen Kriterien mit großem
Interpretationsspielraum. Und: Zu hohe oder niedrige Lernanforderungen in der
Schule können die gleichen Symptome wie bei ADHS hervorrufen.
Nach der Diagnose folgt in einem Drittel der Fälle die
Therapie mit Hilfe von Medikamenten - und auch die ist umstritten. Schon 2002
forderte die damaligen Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marion
Caspers-Merck (SPD), dass nur Ärzte mit Zusatzqualifikation Methylphenidat
verschreiben dürfen. Passiert ist dies bisher nicht.
So steigt der Verbrauch von Methylphenidat seit Jahren
kontinuierlich an, die aktuellen Zahlen zeigen einen erneuten Sprung nach oben.
Anfang der 90er Jahre war die Substanz noch nicht etabliert, die Steigerungen
sind von diesem niedrigen Niveau aus zu interpretieren. Die Bundesopiumstelle
registrierte 1993 die Nutzung von nur 34 Kilogramm reinem Methylphenidat, im
Jahr 2001 waren es bereits 693 Kilogramm. Zwischen 1998 und 1999 hatte sich die
Menge verdoppelt, in einem knappen Jahrzehnt kam es zu einer 20fachen
Steigerung.
Damit aber nicht genug. Bis 2004 stieg die Menge noch einmal
kräftig an, der Arzneimittelverordnungsreport 2005 zeigte nun eine Steigerung
um das Dreißigfache (2). In 2005 wurde 1.200 Kilogramm von deutschen
Apotheken ausgegeben (s. Grafik).

Quelle: Bundesopiumstelle
Die Verschreibungen stiegen dementsprechend ebenfalls an. 2004
kam es in Deutschland zur Verordnung von über 25 Millionen definierten
Tagesdosen (30 mg) von Methylphenidat, 95% davon entfielen auf Kinder und
Jugendliche. Angesichts dieser Zahlen dämmert es selbst den Befürwortern einer
pharmakologischen Behandlung, dass Deutschlands Kindern mit Methylphenidat überversorgt
sind.
Das ist kein deutsches Phänomen, auch das Ausland berichtet
über den Anstieg des Verbrauchs. In Großbritannien wurden 2005 rund 362.000
Mal Methylphenidat verschrieben; die Tendenz ist auch auf der Insel seit Jahren
steigend. Dem INCB ( International
Narcotics Control Board (3)) berichten 156 Ländern ihren Im- und Export von
Stoffen, die in der «Schedule II» Anlage gelistet sind, unter anderem stehen
hier Morphine und einige Barbiturate - und auch Methylphenidat. Laut INCB ist
diese Droge die am häufigsten gehandelten Substanzen weltweit aus dieser
Klasse. In der Medikamentenrangliste des Ritalin-Herstellers Novartis stand das
Medikament 2002 mit einem Jahresumsatz von 148 Millionen Euro auf Rang 18.
Die Vorreiterrolle beim Vertrieb nehmen wieder einmal die Ärzte
in den verschreibungsfreudigen USA ein. In den Staaten sollen zwischen drei und
fünf Prozent der Kinder unter ADHS leiden, auch hier sitzt demnach in jeder größeren
Schulklasse im Durchschnitt ein Kind mit ADHS. Mindestens fünf Millionen Kinder
erhalten täglich Ritalin oder ein anderes Methylphenidat. Die
Arzneimittelzulassungsbehörde FDA (Food and Drug Administration) berichtete in
ihren Statistiken aus dem Jahr 2000 von monatlich 2,5 Millionen ausgestellten
Rezepten für Methylphenidat - alleine für Kinder. Dazu kommen noch einmal 1,5
Millionen Verschreibungen für Erwachsene. Der Markt für Methylphenidat ist
bunt in den USA, diverse Handelsnamen streiten um die Gunst der Kundschaft:
Ritalin, Concerta, Metadate, Methylin, Rubifen.
Erhebungen gehen davon aus, dass - wie in Deutschland - rund
ein Drittel aller mit ADHS diagnostizierten Kinder und Jugendlichen
Methylphenidat erhalten. Die Zahlen sind veraltet, die Pharma-Konzerne
produzieren derweil soviel Methylphenidat wie nie. 1990 stellten nur zwei Firmen
das Stimulans her, man produzierte 1.768 Kilogramm, vier unterschiedliche
Pillendreher kümmerten sich um den Vertrieb. Zehn Jahre später stießen sechs
Großhersteller bereits 15 Tonnen her und 20 Firmen boten das Medikament an.
Fazit: Die USA produzieren und konsumieren an die 90 Prozent des weltweiten
Methylphenidat.
Lawrence Diller, Kinderarzt und einer der schärfsten Kritiker
des Ritalin-Booms in den USA, spricht von epidemischen Verschreibungspraktiken.
Seinen Berechnungen nach sind in den USA alleine 1995 fünf Tonnen der Substanz
übrig geblieben. Eine Zahl, die sich mit höherer Dosierung, längerer
Behandlungsdauer und Export ins Ausland nicht erklären ließe, wie er meint.
Studentenfutter
Die Droge ist begehrt, weitere Zahlen zeigen das Ausmaß des
Hypes: Zwischen Januar 1996 und Dezember 1997 wurden rund 700.000 Dosiseinheiten
als gestohlen gemeldet, Ritalin und seine Vertreter stehen bei der DEA
(4) noch heute in den Top-Ten der gestohlenen Drogen und Medikamente. Aktuell
kostet eine Pille Ritalin auf dem Schwarzmarkt zwischen drei und 15 Dollar. Die
Dosierung ist auf den Lerneffekt ausgerichtet, meist werden nur ein bis drei
Pillen mit 10 mg geschluckt, euphorische oder speed-ähnliche Effekte sind aber
erst ab 200 mg zu erwarten. Und selbst dann wird die Wirkung als sehr dumpf
beschrieben, Begeisterung löst Methylphenidat im Drogen-Untergrund daher nicht
aus.
Über die Jahre kristallisierte sich - wie bei fast jedem
psychoaktiven Medikament - ein neues Einsatzgebiet für Ritalin heraus. Das
Forschungsinstitut RTI International
(5) geht davon aus, dass rund 7,3 Millionen Amerikaner Methylphenidat schon
einmal ohne Verschreibung genommen haben, weniger um die Nacht durchzutanzen,
sondern um ihre Schul- oder Berufsleistung zu optimieren.
Was nämlich gerne vergessen wird: Ritalin steht in einer
Reihe mit den Amphetaminen (Speed, Ecstasy), die ebenfalls bei ADHS angewandt
werden. Nur ist deren Ruf ruiniert, ihnen wird Abhängigkeitspotential oder
Hirnschädigung zugeschrieben, obwohl ihr niedrig dosierter, ärztlich
kontrollierter Gebrauch keine nachgewiesenen Nachfolgeschäden mit sich bringt.
Wissenschaft und Pharma-Industrie entwickeln nicht nur aus Forschungsdrang und
Philanthropie ständig neue Substanzen, es geht auch darum, alten Wein in neue
Schläuche zu gießen. Anders gesagt: Hier ein Methyl-Molekül ranhängen, dort
eine NH-Gruppe wegnehmen, ein neuer Name und Public Relation wirken Wunder. Bis
auch für das neue Medikament Langzeitfolgen bekannt werden und der Zyklus von
vorne beginnt. Auch das nennt sich wissenschaftlicher Fortschritt.
Eine 1998 von der Indiana University durchgeführte Umfrage
unter 44.232 Studenten zeigte: Fast 7% hatten Ritalin schon einmal probiert, 2,5
% nutzten es einmal im Monat oder öfter. Ein paar Jahre später (2002) untersuchte
(6) man das Konsumverhalten von 1.536 Schülern aus dem Mittleren Westen. 4,5 %
davon nahmen Stimulanzien zur Erhöhung der Aufmerksamkeit ein.
Wie in Deutschland streiten auch in den USA die Gelehrten, ob
und wann der Dauereinsatz eines Medikaments bei ADHS-Kindern sinnvoll ist. Die
neuen Erkenntnisse aus der Hirnforschung leiten den wissenschaftlichen Diskurs
dabei primär in eine biologisch-determinierte Richtung. Noch ist es nicht
soweit, aber es steht zu vermuten, dass bald eine objektive Unterscheidung
zwischen den Hirnstoffwechsel eines «normalen» und ADHS-Kinds gefunden wird.
Und dann?
Es ist bei näherer Betrachtung kein so großes Wunder, dass
Stimulanzien bei Kindern beruhigend wirken können. Auch Amphetamine machen aus
ihren Nutzer nicht automatisch einen fickrigen Durchgeknallten, bei
entsprechender Dosierung dienen sie auch Erwachsenen als Fokussierungsmittel.
Die Studien über stimulanzaffine Schüler und Studenten weisen auf die
inzwischen normale Tendenz hin, Errungenschaften der Pharma-Industrie im Alltag
zu nutzen. Dass die pharmakologische Behandlung von Anpassungsproblemen nun auf
die jüngsten und sensibelsten Vertreter der Generation durchschlägt stellt die
Fragen des vernünftigen Umgangs mit Medikamenten und psychoaktiven Drogen neu.
Im 2. Teil: Stefan und die Geschichte vom Ritalin (folgt)
Links
(1) http://www.adhs.ch/add/addmemo.htm
(2)
http://www.thieme-connect.com/ejournals/html/psychoneuro/doi/10.1055/s-2005-863101?locale=de&LgSwitch=1#fg
(3) http://www.incb.org/
(4) http://www.dea.gov/
(5) http://www.rti.org
(6)
http://taylorandfrancis.metapress.com/(yt1r4viqgvns5r5540hu1nnk)/app/home/contribution.asp?referrer=parent&backto=issue,3,6;journal,26,61;linkingpublicationresults,1:107866,1
Telepolis Artikel-URL: http://www.telepolis.de/r4/artikel/23/23762/1.html
Copyright © Heise Zeitschriften Verlag
Ritalin
Hilfe oder Sackgasse?
Immer mehr Kindern in Amerika
und in Europa wird heute täglich Ritalin, ein unter das Betäubungsmittelgesetz
fallendes Aufputschmittel verabreicht. Weltweit bekommen etwa 10 Millionen
Kleinkinder, Vorschulkinder, Schulkinder und Jugendliche Ritalin. Auch
Erwachsenen wird es verabreicht, die nervös sind oder sich schlecht
konzentrieren können. In Deutschland soll es 350 000 Kinder zwischen 6
und 16 Jahren mit dieser Symptomatik geben, davon werden etwa 50 000 mit
Ritalin behandelt. Die Verschreibung von Ritalin ist von 1990 bis 2001 auf das
30fache angestiegen. Die Ritalinpropagandisten sprechen dennoch von einer
krassen Unterversorgung.
ev.
Nervöse und unaufmerksame Kinder gab es immer schon; dies zeigt die
Geschichte vom Zappelphilipp im Buch «Struwwelpeter», das 1844 vom
Neurologen H. Hoffmann herausgegeben wurde. In den 70er und 80er Jahren
des vorigen Jahrhunderts belegte man solche in ihrem Verhalten auffällige
Kinder mit der äusserst problematischen Diagnose MCD (minimale cerebrale
Dysfunktion) – in der Schweiz POS (psychoorganisches Syndrom) – oder mit
der Diagnose Wahrnehmungsstörung. Es fand sich aber kein neurologischer
Befund. Noch vor wenigen Jahren wäre kaum jemand auf die Idee verfallen,
diesen Kindern eine psychotrope Substanz zu verabreichen. Sie wurden
richtigerweise einer ursachenorientierten Therapie zugeführt.
Ende der 80er
Jahre des vorigen Jahrhunderts prägten amerikanische Neurologen und
Psychiater für diese nervösen und in ihrem Verhalten auffälligen Kinder den
Begriff ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit/ Hyperaktivitätsstörung) und
propagierten eine Behandlung mit Ritalin. Der Begriff ADHS und die Behandlung
der Verhaltensstörung mit Ritalin wurde auch in Europa verbreitet und die Ärzteschaft
damit regelrecht überrumpelt. Dem «Krankheitsbild» soll angeblich eine
Stoffwechselstörung des Gehirns zugrunde liegen. Dafür gibt es bis heute
keinen wissenschaftlichen Beweis. Trotzdem versuchen die Ritalinprotagonisten
Ärzten, Pädagogen, Psychologen und auch den Eltern betroffener Kinder ein
aus falschen Theorien zusammengesetztes Denkmodell überzustülpen.
Unter dem Begriff
ADHS werden eine Vielzahl von Verhaltensauffälligkeiten subsummiert. Es
kursieren «Diagnoseblätter», auf denen Verhaltensbeschreibungen wie «steht
gern im Mittelpunkt», «motzt viel und rastet schnell aus», «muss alles
endlos diskutieren» oder «möchte alles bestimmen, will meist der 'Chef'
sein» angekreuzt werden sollen.
Es kommen bereits
Eltern mit lebhaften, gesunden Säuglingen zum Kinderarzt mit der Frage, ob
ihr Kind nicht ADHS habe. Viele Eltern grösserer Kinder machen sich Sorgen
einer normalen, gesunden und eigentlich positiven Lebhaftigkeit ihrer Kinder
wegen.
Die von den
Ritalinprotagonisten oft scharf eingeforderte Ritalinbehandlung erfolgt in
einer hochsensiblen Entwicklungsphase des Gehirns. Die Liste der
Nebenwirkungen ist lang. Es gibt keine wissenschaftlich haltbare
Langzeitstudie über die Unschädlichkeit von Ritalin. Die Situation ist
besorgniserregend.
Deshalb hat die
Internationale Hippokratische Gesellschaft am 23. März 2002 in Bregenz eine
interdisziplinäre Arbeitstagung zum Thema «Ritalin – zu verantwortende
Hilfe oder Weg in die Sackgasse?» durchgeführt. Allen, die sich in
medizinischen, psychologischen oder pädagogischen Bereichen mit Kindern
befassen, und allen Eltern sollen die vorliegend zusammengestellten Referate
und Berichte dieser Tagung sowie weitere Beiträge grundlegende Informationen
zur Verfügung stellen. Unser Denkvermögen, unsere menschliche Vernunft und
unser Verantwortungs- und Mitgefühl sind gefordert, wenn wir den uns
anvertrauten Kindern wirklich helfen wollen.
Seelische
und körperliche Folgeschäden
der Ritalineinnahme
von Dr. phil.
Judith Barben, Kinderpsychologin in Baden bei Zürich,
und Dr. med. Andreas Bau,
Kinderarzt in Hamburg
Die stimulierende Droge Ritalin
(Methylphenidat) hat zahlreiche gefährliche Nebenwirkungen, und ihre
Langzeitschäden sind weitgehend unbekannt. Besonders alarmierend ist der
Befund, dass unter Ritalin die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes stehen
bleibt, was dem heranwachsenden Menschen grossen Schaden zufügt. Ritalin löst
keine Probleme, im Gegenteil.
Kindliche «Verhaltensauffälligkeiten»
sind sowohl in ihren Erscheinungsformen als auch in ihren Ursachen sehr
verschieden. Diese Kinder sind nicht «krank». Sie und ihre Eltern sind in
Not und brauchen Hilfe. «Verhaltensauffällige» Kinder mit dem Begriff «Aufmerksamkeitsdefizit/Hyperaktivitätsstörung»
(ADHS) oder «hyperaktives Syndrom» zu etikettieren, ist bereits ein Problem,
denn die Begriffe legen die falsche Vorstellung nahe, es handle sich um eine
organische Störung.1
Das New England
Journal of Medicine schreibt: «The cause of ADHS remains unknown.»2 (Die
Ursache von ADHS ist bis heute nicht bekannt). Das stimmt nur bedingt. Die
Aussage bedeutet, dass bis heute keine organische Ursache gefunden wurde.
Wichtige
Befunde der Bindungsforschung
Das ist aus
psychologischer Sicht nicht überraschend, denn die Entwicklungspsychologie
und die Bindungsforschung haben die
Ursachen kindlicher Verhaltensstörungen
schon lange in einer Störung des emotionalen Wechselspiels zwischen dem Kind
und seiner sozialen Umwelt erkannt. Bei der Erklärung und Prävention
seelischer Störungen kann die Psychologie auf eine hundertjährige
wissenschaftliche Forschung zurückblicken und verfügt über einen grossen
Fundus gesicherter Erkenntnisse. Die Individualpsychologie nach Alfred Adler,
die Neopsychoanalyse, die Entwicklungspsychologie, die Bindungsforschung, die
sozial-kognitive Lerntheorie nach Albert Bandura sowie Erkenntnisse der
modernen Hirnforschung liefern in ihrer Zusammenschau wertvollste Befunde zur
Erklärung und Prävention kindlicher Verhaltensstörungen.3
Die
Individualpsychologie hat herausgearbeitet, wie der Lebensstil eines Kindes im
familiären Wechselspiel entsteht; dabei ist neben der Elternbeziehung auch
die Beziehung zu den Geschwistern sehr wichtig. Die Neopsychoanalyse hat auf
die Bedeutung kultureller Faktoren für die individuelle Entwicklung
hingewiesen. Entwicklungspsychologie und Bindungsforschung haben durch unzählige
empirische Studien belegt, wie das feine emotionale Wechselspiel zwischen
Eltern und Kind die Grundlage für die weitere Persönlichkeitsentwicklung
bildet. Die sozial-kognitive Lerntheorie hat die Bedeutung von Vorbildern
(Modellen) für die Entwicklung des Heranwachsenden aufgezeigt. Die
Hirnforschung bestätigt die genannten Befunde in eindrücklicher Weise und
weist nach, wie die in frühkindlichen Beziehungen gemachten und im kindlichen
Gehirn aufgenommenen psychosozialen Erfahrungen die Entwicklung des
Heranwachsenden, sein Fühlen, Denken und Handeln, beeinflussen.
Menschenbild
ist entscheidend
Die Persönlichkeitstheorie, mit der ein Psychologe, Lehrer oder
Kinderarzt an ein «verhaltensauffälliges» Kind herantritt – ob er ein
biologistisches oder ein personales Menschenbild hat –, ist von grösster
Bedeutung für seine Fähigkeit zur Hilfeleistung. Es ist entscheidend, ob er
das Kind als «hirnorganisch gestört» betrachtet oder ob er in ihm ein
ganzheitlich denkendes und empfindendes Wesen sieht, das zuallererst einmal in
seinen Unsicherheiten, Ängsten, Wünschen und Hoffnungen gesehen und
verstanden werden will.
Vor dem
Hintergrund des Wissens um die psychologischen Entstehungsbedingungen von
Verhaltensstörungen ist es absurd und verantwortungslos, ein Kind mit einer
Droge ruhigstellen zu wollen.4 Ritalin löst kein einziges Problem, im
Gegenteil!5
Ritalin
(Methylphenidat) stört wie jede Droge die Persönlichkeitsentwicklung
nachhaltig. Das Mittel unterdrückt die spontanen und natürlichen Gefühlsäusserungen
des Kindes, und dieses kann weder lernen, eigene Gefühle wahrzunehmen noch
mit ihnen adäquat umzugehen. Seine Individualität wird künstlich
niedergehalten, die Persönlichkeitsentwicklung bleibt stehen. Ein Kind, das
jahrelang Ritalin genommen hat, muss – wenn das Mittel dann endlich
abgesetzt wird – bei der Lösung der zugrundeliegenden seelischen
Schwierigkeiten genau an dem Punkt wieder anfangen, wo es damals nicht
weiterkam. Nur ist es inzwischen ein Jugendlicher geworden und im Vergleich
mit Gleichaltrigen – und Jüngeren – fehlen ihm viele Erfahrungen im
Umgang mit den eigenen Gefühlen, im gefühlsmässigen Sich-Reiben und
Auseinandersetzen mit Gleichaltrigen und Erwachsenen und im Bewältigen von
Konflikten. Und das ist das Gefährliche! Immer wieder sind Jugendliche und
ihre Erzieher jetzt nicht mehr in der Lage, die Probleme in den Griff zu
bekommen.
Wo Unsicherheiten,
Fehlhaltungen oder Lernstörungen beim Kind noch zu korrigieren gewesen wären,
sind diese Probleme beim Jugendlichen, der jahrelang unter Ritalin stand,
festgefahrener und ohne kompetente Unterstützung oft fast nicht mehr zu bewältigen.
Mitunter eskalieren sie dann geradezu: Der 15jährige Thomas J. Solomo, der im
Mai 1999 in Conyers, Georgia, auf sechs Mitschüler schoss, war ein
Ritalin-Kind.6 Raoul Wüthrich, das Kind, das in den USA wegen schweren
Inzests verhaftet wurde, war ein Ritalinkind.7 Der drogensüchtige Rockstar
Kurt Cobain, der sich 1999 das Leben nahm, war ein Ritalinkind.8 Diese
schweren Fälle, die durch die Medien gingen, verdeutlichen die Tatsache, dass
Ritalin bestehende Probleme nicht löst, sondern sie verdeckt und
verschlimmert.
Wirkmechanismus
von Ritalin nicht geklärt
Der genaue
biochemische Wirkmechanismus von Ritalin ist bis heute nicht geklärt. Die gängigste
Hypothese lautet, Ritalin würde den Hirnstoffwechsel im Frontalhirn anregen
und so die Aufmerksamkeit verbessern, doch das ist nur eine Vermutung. Im
Arzneimittel-Kompendium der Schweiz ist zum Wirkmechanismus von Ritalin®
(Methylphenidat) folgendes nachzulesen: «Sein Wirkmechanismus im Menschen ist
noch nicht vollständig geklärt, es wird lediglich angenommen, dass die
stimulierenden Effekte auf eine kortikale Stimulation und möglicherweise auf
eine Stimulation des retikulären Aktivierungssystems zurückzuführen sind.
Der Mechanismus, durch welchen Methylphenidat seine mentalen und verhaltensmässigen
Wirkungen bei Kindern ausübt, ist weder genau ergründet noch liegen schlüssige
Beweise vor, welche aufzeigen, wie diese Effekte mit dem Zustand des
Zentralnervensystems zusammenhängen.»9 Ebenso ist die von Ritalinbefürwortern
propagierte Hypothese, bei «ADHS-Kindern» liege ein Dopaminmangel im Gehirn
vor, reine Spekulation. Diese Interpretation wurde aus der erwähnten
Vermutung abgeleitet, Ritalin stimuliere die Dopaminausschüttung.
Warum aber gewisse
Kinder unter Ritalin erregt werden und das Mittel bei anderen überhaupt nicht
wirkt, ist unklar. Auch gibt es immer wieder Fälle, in denen Kinder unter
Ritalin psychotisch werden.10 Gemäss einer kanadischen Studie war dies bei 6 Prozent
der Fall.11
Körperliche
Folgeschäden und Suchtgefahr
Zu den psychischen
Folgeschäden kommen die körperlichen Folgeschäden.12 Häufige
Nebenwirkungen des Mittels sind Nervosität, Schlaflosigkeit,
Appetitlosigkeit, Gewichtsverlust, Bauchschmerzen, Übelkeit, Erbrechen,
Kopfschmerzen, Schwindel und Hautausschläge. Auch Müdigkeit, Traurigkeit, Ängstlichkeit,
depressive Verstimmung, Haarausfall, Mundtrockenheit, Durchfall, Verstopfung,
Muskelzuckungen und Ticks können auftreten.13 Nicht ausreichend geklärt ist
– so Novartis – die Gefahr eines verminderten Wachstums.14
Die Suchtgefährdung
– beim Kind oder Jugendlichen selbst oder in seinem Umfeld – ist ein
weiteres Problem.15 Zunehmend wird Ritalin als Droge auf dem Schwarzmarkt
gehandelt; Drogensüchtige schlucken, schnupfen oder spritzen es.16 Eine
Untersuchung bei Jugendlichen mit der Diagnose ADHS in Kalifornien ergab, dass
diejenigen, die mit Ritalin behandelt worden waren, später mit dreimal höherer
Wahrscheinlichkeit Kokain nahmen. Auch ist in den USA die Zahl der Notfälle
im Zusammenhang mit Ritalin bei 10- bis 14jährigen, die Ritalin häufig
zusammen mit anderen Drogen verwenden, seit 1990 um das Zehnfache gestiegen.17
Wenn Drogensüchtige das Ritalin zu Pulver zerreiben und schnupfen, gelangt es
in Sekundenschnelle ins Gehirn. Genau das gibt den «Kick», der süchtig
machen kann.18
In den USA gab es
bereits mehrere Todesfälle von Eltern, die das Ritalin ihrer Kinder
geschnupft hatten. 1999 wurde erstmals der Todesfall eines Teenagers
berichtet, der Ritalin intranasal missbraucht hatte.19
Gefahren
für das Herz
Sehr ernst zu
nehmen sind auch die Gefahren für das Herz. Novartis nennt als «gelegentliche
unerwünschte Wirkungen»: Tachykardie (Herzrasen), Palpitationen
(Herzklopfen), Arrhythmien (Herzrhythmusstörungen) sowie die Erhöhung des
Blutdrucks. Eine «seltene unerwünschte Wirkung» sei – so Novartis –
auch Angina pectoris (Herzschmerzen).20
Wissenschaftler
fanden in Tierversuchen Hinweise, dass Ritalin den Herzmuskel irreversibel schädigt.21
Im April 2000 starb ein 14jähriger Knabe in Pontiac, Michigan, einen plötzlichen
Herztod. Der Gerichtsmediziner führte den Tod auf eine Schädigung des
Herzens zurück und vermutete als Ursache Ritalin. Der Knabe hatte seit seinem
4. Lebensjahr – zehn Jahre lang! – Ritalin genommen.22 Die 11jährige
Stefanie Hall im US-Bundesstaat Ohio bekam 1999, nachdem der Kinderarzt ihre
Ritalindosis verdoppelt hatte, extremes Herzrasen und starb plötzlich. Die
Eltern führen Klage gegen Novartis.23 Der plötzliche Badetod eines fünfjährigen
Jungen im deutschen Sebnitz war ebenfalls durch Herzversagen (und nicht durch
Fremdeinwirkung) eingetreten. Auch dieser Knabe hatte Ritalin genommen.
Aufgrund einer
besorgniserregenden Zunahme solcher Fälle hat die amerikanische Vereinigung
der Herzspezialisten (American Heart Association) neue Richtlinien erlassen:
Sie fordern gründliche Abklärungen des Herzens vor und während jeder
Ritalinbehandlung, einschliesslich Elektrokardiogramm und detaillierter persönlicher
und familiärer Anamnese bezüglich Herzproblemen.
Vermutete
Langzeitschädigung des Gehirns
Weltweit warnen
Fachleute vor einer langfristigen Schädigung von Hirnstruktur und Hirnchemie
durch Ritalin.24 Aufgrund neuester Forschungsergebnisse vermuten Hirnforscher,
dass die langfristige Ritalineinnahme eine Parkinson-artige Erkrankung im höheren
Lebensalter begünstigen könnte.25
Die Deutsche
Gesellschaft für Soziale Psychiatrie warnt: «Die Langzeitfolgen einer
Behandlung mit dem Psychostimulans Methylphenidat (Ritalin®, Medikinet®)
sind unbekannt.» Neben der Gefahr einer dauerhaften Schädigung des Gehirns
seien bei chronischer Verwendung – so die Deutsche Gesellschaft für Soziale
Psychiatrie – auch Leberschäden möglich.26 Hinweise, dass die langfristige
Verwendung von Ritalin Leberkrebs verursachen könnte, fand auch die
amerikanische Lebensmittel- und Medikamentenkontrollbehörde FDA (Food and
Drug Administration).27
Systematische
Langzeitstudien fehlen
Systematische
Langzeitstudien mit Menschen, die den Verdacht auf schwere Spätschäden entkräften
würden, existieren nicht. «Die Langzeitsicherheits- und -Wirksamkeitsprofile
von Ritalin sind noch nicht gänzlich bekannt,» stellt Novartis verharmlosend
fest.28 Fachleute werfen dem Hersteller Novartis das Fehlen von aussagekräftigen
Langzeitstudien vor, denn das Mittel ist seit rund 50 Jahren verfügbar und
wird schon lange bei Kindern eingesetzt.29
Wenn Eltern über
die verheerenden körperlichen und seelischen Folgeschäden durch Ritalin
aufgeklärt werden und echte Hilfe im Umgang mit ihren Kindern erhalten,
werden sie sich weigern, ihnen die Droge weiterhin abzugeben.
Fussnoten
Vortrag, gehalten anlässlich der Tagung der
Internationalen Hippokratischen Gesellschaft am 23. März 2002
in Bregenz.
1 Genauso falsch sind
die früher verwendeten Begriffe frühkindliches psychoorganisches Syndrom
(POS) oder minimale Hirndysfunktion (minimal brain dysfunction).
2 Zametkin, Alan J.,
Ernst Monique. Problems in the Management of Attention-Deficit-Hyperactivity
Disorder. New England Journal of Medicine. January 7 1999, S. 40-46. S. 40.
3 Arbeitsgemeinschaft für
Personale
Psychologie und Psychotherapie. Grundlagen einer Personalen Psychologie.
Wattwil 2001.
4 Ritalin®
(Methylphenidat) ist ein zentralnervöses Stimulans mit ausgeprägter Wirkung
auf die mentalen und die motorischen Aktivitäten. Vgl.
Arzneimittel-Kompendium der Schweiz. Behördlich genehmigte Fachinformation.
Basel: Documed 2002, S. 2284.
5 Auch die zuweilen
behauptete Verbesserung der Schulleistungen konnte nicht belegt werden. Vgl.
Zametkin, Alan J. et al. a.a.O., S. 44.
6 Firestone, David. Boy
Took Parent's Guns For Attack, Sheriff Says. New York Times, 22 May 1999.
7 Diodà, Carin.
Zappler werden ruhig gestellt. Facts Nr. 43, 1999, 28.10.1999.
8 Kurt Cobain
1967-1994. Ritalin vernichtet Teenie-Idol. Vgl. http://cchr.org
9
Arzneimittel-Kompendium der Schweiz. Behördlich genehmigte Fachinformation.
Basel: Documed 2002, S. 2284.
10 Novartis erwähnt
als Nebenwirkung von Ritalin «in Einzelfällen psychotische Reaktionen
(speziell paranoid-halluzinatorischer Art)». Vgl. Fachinformation von
Novartis zu Ritalin. April 2002.
11 Dies war in einer
Stichprobe von 98 Kindern der Fall, die seit eindreiviertel Jahren Ritalin
erhielten. Vgl. Cherland E. & Fitzpatrick R. Psychotic side effects of
psychostimulants: a 5-year review. Can. J. Psychiatry 1999 Oct; 44(8):811-3.
12 Gemäss Dr. Baughman
gab es unter 2993 Fällen von Nebenwirkungen von Ritalin, die von der
amerikanischen Behörde Food and Drug Administation 1990-1997 aufgelistet
wurden, 160 Todesfälle und 569 Hospitalisationen, 36 davon wegen lebensgefährlichen
Komplikationen. Auch verursachte Ritalin in vielen Fällen Herzrhythmusstörungen,
Tachykardie (Herzrasen) und Bluthochdruck. Vgl. DeWeese, Tom. Ritalin is Poison. Insider's Report
5/2000 (7): 1-4.
13 Fachinformation von
Novartis zu Ritalin. April 2002.
14 Fachinformation von
Novartis zu Ritalin. April 2002.
15 «Bei emotional
labilen Patienten, wie beispielsweise solchen mit Drogenabhängigkeit oder
Alkoholismus in der Anamnese, ist Vorsicht angezeigt, da sie möglicherweise
aus eigener Initiative die Dosis erhöhen.» Arzneimittel-Kompendium der
Schweiz. Behördlich genehmigte Fachinformation. Basel: Documed 2002, S. 2285.
Und: «Bei nicht bestimmungsgemässem Gebrauch hat Methylphenidat ein stark
ausgeprägtes psychisches Abhängigkeitspotential.» Fachinformation von
Novartis zu Ritalin. April 2002.
16 Bartholomäus,
Ulrike. Koks für Kinder. Focus 11/2002, 11.3.02, S. 200.
17 Vgl.
http://kinder.socialreform.org.
18 Bartholomäus,
Ulrike. a. a. O.
19 Vgl. Massello, W. A
Fatality due to the intranasal abuse of methylphenidate (Ritalin). J. Forensic
Sci. 1999 Jan; 44(1):220-1.
20 Vgl.
Arzneimittel-Kompendium der Schweiz. Behördlich genehmigte Fachinformation.
Basel: Documed 2002, S. 2285.
21 Henderson TA;
Fischer VW. Department of Anatomy and Neurobiology, St. Louis University
Medical Center, MO 63104, USA. Effects of methylphenidat (Ritalin) on
mammalian myocardial ultrastructure. Am. J. Cardiovasc. Pathol.
1995;5(1):68-78.
22 Powell, Cheryl. No
magic pill cures disorder. Akron Beacon Journal, 18.4.2000.
23 Akron Beacon
Journal, 1.8.2000.
24 Joan Baizer,
Professorin für Physiologie und Biophysik, wies an der Jahrestagung der
amerikanischen Gesellschaft für Hirnforschung am 11.11.2001 darauf hin, dass
junge Ratten nach Ritalineinnahme eine deutlich erhöhte Anzahl von Neuronen
mit erhöhter Aktivität des c-fos-Gen zeigten. Das c-fos-Gen spielt
vermutlich bei der Entstehung von Sucht eine bedeutsame Rolle. Laut der
Professorin müssen weitere Forschungen klären, ob weitere Gene durch Ritalin
aktiviert werden und welche Folgen das hat. Vgl. Kupczik, Ingrid, Verursacht
Ritalin eine Fehlfunktion der Neuronen. Die Welt vom 18.11.2001.
25 Bund Deutscher
Internisten: Grotesker Verordnungsanstieg. Jeder Zappelphilipp ein Fall für
Ritalin®? BDI aktuell 03-2002. Moll, G.H., Hause, S., Rüther, E.
Rothenberger, A. Hüther, G. Early methylphenidate administration to young
rats causes a persistent reduction in the density of striatal dopamine
transporters. J. Child Adolesc. Psychopharmacol. 2001; 11: 15-24. Volkow N.D.
et al., Am J. Psychiatry 2001; 158: 377-82.
26 Deutsche
Gesellschaft für Soziale Psychiatrie e.V., Fachausschuss Kinder und
Jugendliche: Offener Brief an die Bundesministerin für Gesundheit, die
Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, die Bundesärztekammer
und das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, 31. Januar 2002.
27 National Institut on
Drug Abuse: NIDA Infofax 13555 Ritalin.
28
Arzneimittel-Kompendium der Schweiz. Behördlich genehmigte Fachinformation.
Basel: Documed 2002, S. 2285.
29 Arzneimittelexperte
Gerd Glaeske von der Universität Bremen machte dies in der Sendung «Pillen für
den Störenfried? Über den Umgang mit hyperaktiven Kindern» dem
Pharmakonzern Novartis (früher Sandoz) zum Vorwurf. Deutschland Radio
Berlin, Reihe Zeitfragen, 13.1.2002.
Manipulierte
Ritalinstudie
Die sogenannte MTA-Studie1
wird von Ritalinbefürwortern öfter als Beleg für die angebliche «Wirksamkeit»
der Droge angeführt. Doch die Studie macht einen äusserst unseriösen
Eindruck. Sogar der wissenschaftliche Berater von Novartis gibt die
Einseitigkeit der Studie zu.2 Der namhafte amerikanische Psychiater Peter R.
Breggin, M.D., ärztlicher Direktor des International Center for the Study of
Psychiatry and Psychology, unterzog die Studie einer sorgfältigen Überprüfung
und kam zu dem Schluss, dass sie weder in bezug auf sauberes methodisches
Arbeiten noch in bezug auf unparteiisches und kritisches Vorgehen
wissenschaftlichen Standards genügt.3
jb.
Pikant ist, dass alle wichtigen Mitarbeiter der MTA-Studie bereits vor ihrer
Mitarbeit Verfechter des Ritalins4 waren. Einer der Mitarbeiter bezog – so
Breggin – Gelder von der Pharmaindustrie.
An der Studie
nahmen 579 Kinder mit der Diagnose ADHD (Attention Deficit/Hyperaktivity
Disorder5) während 14 Monaten teil. Die erste Kindergruppe wurde mit Ritalin
behandelt, die zweite mit Ritalin, kombiniert mit Verhaltenstherapie, die
dritte mit Verhaltenstherapie und die vierte mit «Community care». «Community
care» war definiert als das routinemässige Behandlungsangebot der Gemeinde,
das meistens ebenfalls Ritalin beinhaltete.
Die Studie
behauptet, die Überlegenheit von Ritalin über Verhaltenstherapie bewiesen zu
haben. Anlage und Durchführung der Studie sind jedoch so unzulänglich und
fehlerhaft, dass sie diese Behauptung in keiner Weise stützen kann.
Ein Hauptproblem
der MTA-Studie ist, dass sie «open labelled» ist, das heisst, es gab weder
eine Kontrollgruppe mit Placebo-Behandlung noch eine Kontrollgruppe ohne
Behandlung. Zudem wussten alle Beteiligten zu jedem Zeitpunkt, welche
Versuchsperson welche Behandlung erhielt. So konnten – bewusst oder
unbewusst – die Wünsche der Beurteiler und Versuchspersonen das Resultat
beeinflussen, was ein bekanntes Phänomen bei «open labelled studies» ist.
Die Beurteiler (Eltern) hatten ein Interesse daran, dass das Resultat positiv
war; die Versuchspersonen (Kinder) wollten mit ihren Antworten die Behandler zufrieden stellen. Das Open-label-Design ist hier besonders fragwürdig, weil
Eltern und Lehrer von Anfang an mit einseitigen verharmlosenden Unterlagen
zugunsten des Ritalins beliefert wurden.
Die Tatsache, dass
die MTA-Studie weder Placebo-kontrolliert noch doppelblind ist, macht sie
wertlos, denn diese beiden Bedingungen sind wissenschaftlicher Minimalstandard
für Medikamentenstudien.
Eine weitere von
Breggin aufgezeigte Fehlleistung ist die Wahl der verhaltenstherapeutischen
Methode. Unverständlicherweise wurde ein unübliches, in Fachkreisen nicht
anerkanntes Verfahren gewählt, das über keine nachgewiesene Wirkung verfügt.
Dieses sei, merkt Breggin kritisch an, von einem Ritalinverfechter, Russell A.
Barkley, begründet worden, der damit die angebliche Überlegenheit von
Ritalin über psychologische Hilfeleistung festzuschreiben versuchte.
Ein hilfreiches,
wissenschaftlich fundiertes therapeutisches Vorgehen würde eine
kontinuierliche individuelle Familienberatung mit dem Ziel einer Verbesserung
der familiären Beziehungen einschliessen. Ausserdem müssen die Kinder in
individuellen erzieherischen Interventionen motiviert und angeleitet werden,
sich für die Schule einzusetzen und ihre sozialen Kompetenzen zu verbessern.
Dass diese therapeutischen Möglichkeiten nicht ausgeschöpft wurden, bringt
zum Ausdruck, dass es den Autoren nicht um echte, von Mitgefühl getragene
Hilfeleistung ging. Auch wurden die verhaltenstherapeutischen Sitzungen gegen
Ende der Studie auf einmal pro Monat reduziert oder ganz abgebrochen. Das
Ritalin hingegen wurde bis zum Ende der Studie verabreicht.
Peter Breggin
zeigt noch weitere methodische Mängel der MTA-Studie auf:
32% der Kinder,
die in der Studie Ritalin erhielten, hatten das Mittel bereits vorher
genommen. In diesen Fällen kann davon ausgegangen werden, dass die Eltern die
Medikation unterstützten und somit gegenüber Ritalin voreingenommen waren.
Zur Kontrolle der
Nebenwirkungen von Ritalin wurden weder physiologische noch psychologische
Parameter herangezogen, und es wurden keine medizinisch geschulten Fachleute
eingesetzt, um diese zu erheben. Den Lehrern und Eltern, die ohne die
notwendige Schulung einen Fragebogen über die Nebenwirkungen ausfüllen
mussten, wurde versichert, Ritalin sei harmlos. Trotzdem wurden bei 64% der
Kinder Nebenwirkungen festgestellt, bei 2,9% sogar schwere. Über die Hälfte
der schweren Nebenwirkungen fielen unter die Kategorie «Depression, Ängste,
Reizbarkeit», häufig beschriebene Nebenwirkung von Stimulantien.
Ausgerechnet diese Nebenwirkungen wurden von den Autoren mit der Begründung
ausgeklammert, sie könnten auch andere Ursachen haben. Einem nicht
publizierten Handout ist zu entnehmen, dass die Kinder sich auf einer
Depressionsskala selbst beurteilen mussten. Das Ergebnis dieser
Selbstbeurteilungen erscheint in der veröffentlichten Arbeit nicht!
Die einzig
wirklich objektiven Beobachter, die «blind classroom observers», die die
Kinder im Klassenzimmer beobachteten und nicht wussten, welche Art von
Behandlung sie erhielten, stellten keinen Unterschied zwischen den vier
Behandlungsarten fest. Diese wichtige Tatsache findet keine Erwähnung in der
zusammenfassenden Diskussion. Auch die Klassenkameraden stellten keine
Verbesserung im sozialen Verhalten der Ritalinkinder fest, und eine
Verbesserung der schulischen Leistungen unter Ritalin konnte nicht
festgestellt werden.
Insgesamt
disqualifiziert sich die Studie durch ihre krasse Einseitigkeit und
methodische Unzulänglichkeit selbst. Sie als Beleg für die Wirksamkeit von
Ritalin heranziehen zu wollen, ist unhaltbar und absurd.
1 MTA Cooperative
Group. A 14-month randomized clinical trial of treatment strategies for
attention-deficit/hyperactivity disorder. Archives of General Psychiatry 56
(1999), 1073-1086.MTA Cooperative Group, Moderators and mediators of treatment
response for children with attention-deficit/hyperactivity disorder: the
multimodal treatment study of children with attention-deficit/hyperactivity
disorder, Archives of General Psychiatry 56 (1999), 1088-1096. (MTA =
Multimodal Treatment of ADHD).
2 Der Novartis-Berater
René Spiegel bezeichnet die Studie in einem persönlichen Gespräch vom
28.11.2000 als «die wichtigste Studie» zu Ritalin, deren Autoren er zum Teil
persönlich kenne. Die Einseitigkeit der Studie gibt er sofort zu und
behauptet, alle Studien hätten einen «Bias» (einen systematischen, auf
Voreingenommenheit beruhenden Fehler).
3 Breggin, Peter R.,
M.D. The NIMH multimodal study of treatment for
attention-deficit/hyperactivity disorder: A critical analysis. International
Journal of Risk & Safety in Medicine 13 (2000), 15-22.
4 Der Einfachheit
halber wird im folgenden der bekannte Novartis-Markenname Ritalin® als
Oberbegriff für Methylphenidat und verwandte psychotrope Substanzen
verwendet.
5 «Aufmerksamkeitsstörung
mit Hyperaktivität»
Mit
Ritalin und Prozac
gefügig für die Globalisierung?
zf. Aufgrund der verheerenden
Nebenwirkungen und Gefahren von Ritalin müssen wir uns fragen, wie es kommt,
dass dieser Stoff dermassen propagiert wird, dass seine Nebenwirkungen
heruntergespielt und Kritiker angegriffen werden. Finanzielle Interessen von
Novartis sind sicher im Spiel. Weltweit nehmen gegenwärtig ungefähr zehn
Millionen Kinder täglich das Mittel ein,1 und in Deutschland steht Ritalin
auf Platz sechs der Liste der meistverkauften Medikamente.2
Obwohl
Ritalin als Betäubungsmittel nicht beworben werden darf,3 sponsert Novartis
«Selbsthilfegruppen», die das Mittel propagieren,4 sowie ganze Ärztekongresse
und Symposien.5 Die Botschaft lautet stets: «Die Behandlung von ADS/ADHS wird
(mit etwas begleitender Therapie und Elternberatung) in erster Linie durch die
Anwendung von Stimulantien durchgeführt. Für die weitere Behandlung wird der
Einsatz von Antidepressiva diskutiert.» Novartis bezahlt auch Referenten, die
auf Lehrerfortbildungen Ritalin anpreisen. Nicht einmal vor der direkten
Beeinflussung von Kindern schreckt die Pharmafirma zurück. In einem farbig
aufgemachten Bilderbuch lullt Novartis die Kleinen ein: «Die Tablette kann
dir bei den Schularbeiten, beim Lernen und beim Spielen helfen.»6
Der amerikanische
Pharmakonzern Lilly, Hersteller des Antidepressivums Prozac, wird demnächst
ein Ritalinkonkurrenzpräparat (Atomoxetin) auf den Markt bringen. Schon jetzt
fördert und sponsert Lilly ein «Netzwerk betroffener Eltern, Lehrer und Ärzte»,
also von potentiellen Kunden, allein im Jahr 2001mit 150000 Mark.7
Und dennoch sind
die immensen Gewinne vermutlich nicht der einzige Grund für den Ritalinboom.
Ganz andere Kreise scheinen mit der Verbreitung solcher psychoaktiver
Substanzen eigene Ziele zu verfolgen. So schreibt Günther Amendt,
Drogenapostel der 60er Jahre: «In der globalisierten und deregulierten Welt
von morgen werden psychoaktive Substanzen [...] als Instrumente der sozialen
Steuerung unabdingbar sein.» Der «neue Mensch» ist, so Amendt, «nur mit
Hilfe psychoaktiver Substanzen [...] formbar». «Aufgabe der Pharmaindustrie
in diesem Modernisierung genannten Prozess ist die Bereitstellung von
psychoaktiven Substanzen.» – «Es geht auch um Produkte zur Regulierung des
Sozialverhaltens beziehungsweise zur Eliminierung unerwünschter
Verhaltensweisen. Die Psychodroge Ritalin ist das derzeit erfolgreichste
Produkt in diesem Marktsegment.»8
Dass solche
Absichten auch in US-regierungsnahen Kreisen diskutiert werden, legt der
Harvard-Politologe Fukuyama9 offen. Nachdem er ohne jede Begründung die
Globalisierung unabdingbar hingestellt hat («kein Globalisierungsgegner hat
eine alternative Vision anzubieten»), spekuliert er weiter: «Alle totalitären
Staaten haben in der Vergangenheit versucht, [. . .] den 'neuen Menschen' zu
schaffen. [. . .] Mit dem Fortschritt in der Gentechnologie könnte nun eine
neue Form der sozialen Kontrolle möglich werden [. . .] Und es ist gar keine
abseitige Utopie, wenn man sich allein anschaut, in welchem Umfang in den USA
bereits jetzt Psychopharmaka wie Prozac oder Ritalin eingesetzt werden, um Persönlichkeitsveränderungen
in weiten Teilen der Bevölkerung zu erreichen.»10
Bezeichnenderweise
gehört Daniel L. Vasella, Präsident von Novartis, zu den Teilnehmern der berüchtigten
Bilderbergtreffen11, wo eine handverlesene, illustre Machtelite regelmässig
– fern jeder demokratischen Kontrolle – nirgends öffentlich diskutierte
und nie demokratisch legitimierte geostrategische Absprachen trifft. Wenn es
den Macht- oder Geschäftsinteressen nutzt, verhandeln die Strategen an diesen
Treffen vielleicht auch, mit welchen Methoden sie die Menschen daran hindern
wollen, sich gegen Kriege und Ungerechtigkeiten und für ein demokratisches
und friedliches Zusammenleben einzusetzen?
«Ritalin ist ein
Mittel, um spätere Friedensfähigkeit zu verhindern,» meint ein
Ritalinkritiker. Ein anderer spricht vom «Opium-Krieg gegen unsere Kinder».
Beverly Eakman, Gründerin des National Education Consortium warnt: «Es ist
geplant, so viele Kinder wie möglich mit der Droge Ritalin zu betäuben, weil
das Mittel sie empfänglicher macht für Suggestionen und dafür, Dinge zu
tun, die sie normalerweise nicht tun würden.»12
Das wollen weder
Eltern noch Kinder noch sonstige Bürger, die im Sinne des Gemeinwohls denken.
Fussnoten:
1 Hüther, Gerald & Bonney, Helmut. Neues vom Zappelphilipp. Düsseldorf; Zürich 2002, S. 13.
2 Das
Zappelphilipp-Syndrom. Spiegel 11/2002 vom 11.3.2002, S. 220.
3 Aussage des
Novartis-Vertreters (Telefonat vom 28.11.2000).
4 Novartis bezahlte
einer «Selbsthilfegruppe Aufmerksamkeitsgestörter und Hyperaktiver» in den
USA namens CHADD (Children and Adults with ADHD) 900 000 Dollar, was der
Novartis-Sprecher sofort zugab (Telefonat vom 9.11.2000).
5 Hauptsponsor für das
4. Berner Symposium zur Kinder- und Jugendpsychiatrie zum Thema ADHS am
29./30. Juni 2001 war Novartis (daneben Lilly). Ebenso sponserte Norvartis das
Symposium «Hyperkinetische Störungen» des Zentralinstitutes für Seelische
Gesundheit (Mannheim) in Ludwigshafen vom 28.9.2000, die Jahrestagung des
Deutschen Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte zum Thema ADS in
Karlsruhe vom Juni 2001 sowie die demnächst stattfindende
Psychiater-Fortbildung in Basel vom 16. Mai 2002 zum Thema «ADHS im Kindes-
und Erwachsenenalter». Mit dem Motto «ADHS, eine treue Begleiterin ein
ganzes Leben lang» wird hier bereits auf eine lebenslängliche (für die
Pharmaindustrie vorteilhafte) «Pharmako-Therapie mit Stimulantien und/oder
Antidepressiva» vorbereitet.
6 Krake Hippihopp. Wie
der Krake das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADS) erklärt wurde. Nürnberg:
Novartis Pharma Verlag, 2001.
7 Gessler, Katharina
& Meyer-Wellmann, Jens: Das «Lilly»-Projekt: Hilfe für Kinder? «Hamburger
Abendblatt», 31.8.01.
8 Amendt G. Ohne Drogen
keine Zukunft. Psychoaktive Substanzen zwischen Ächtung und Akzeptanz. «Neue
Zürcher Zeitung», 12./13. August 2000, S. 90.
9 Fukuyama gehörte in
den achtziger Jahren zum Planungsstab des US-Aussenministeriums und arbeitet
heute für RAND, einen «think-tank», der das US-Verteidigungsministerium berät.
10 Fukuyama, Francis.
Der neue Mensch am Ende der Geschichte. Die Welt am Sonntag, 20.5.2001.
11
http://www.bilderberg.org
12 O'Meara, Kelly
Patricia. Ritalin Proven More Potent Than Cocaine – Nearly 10 Million Kids
Drugged. www.insightmag.com/archive/200110015.shtml.
Teesside, England
Entzugsklinik
für Ritalinkinder
jb. Steve Baldwin,
Psychologieprofessor an der Universität von Teesside (England), eröffnete im
Sommer 2000 zusammen mit Janice Hill und weiteren Mitarbeitern eine
Entzugsklinik für Kinder, die unter psychiatrischen Drogen standen. Bereits
zwei Tage nach Erscheinen des Zeitungsartikels über die Klinik waren 350
Anfragen von Eltern eingetroffen. In den Gesprächen mit den Eltern stellte
sich heraus, dass viele Kinder einen ganzen Cocktail von psychiatrischen
Drogen zu sich nahmen. Einige standen sogar unter Risperdal, einem
Neuroleptikum, das für die Behandlung von Schizophrenen über 14 Jahren
verwendet wird. Es gab 8jährige Kinder, die Risperdal nahmen. Ein 18 Monate
altes Baby bekam Ritalin. Um die alarmierende Situation weiter zu erforschen,
führte Professor Baldwin mit seinem Team eine Studie durch, die 100 Eltern
mit ihren Kindern umfasste. Alle Kinder litten unter Nebenwirkungen, darunter
auch Psychosen, Halluzinationen, Magersucht, schwere Aggression und ernste
Selbstverletzungen. Leider musste die Klinik im Jahr 2001 schliessen, da
Professor Baldwin tödlich verunfallte. Doch inzwischen haben Janice Hill und
weitere Mitarbeiter finanzielle Mittel für die Wiedereröffnung bereit
gestellt; sie werden die Klinik noch im April neu eröffnen.
Quelle: New Scientist
23.3.2002, S. 47.
Virtuelle
Welt
oder reales Leben?
Aufgaben
der Erziehung
angesichts einer veränderten Kindheit und Jugend
von
Professor Dr. Helmut Zöpfl, Lehrstuhl für Schulpädagogik, Universität München
«Kinder an der Macht. Sie
bewegen Milliarden, terrorisieren Eltern, erobern Märkte» – so titelte das
Magazin «Stern» in seiner Ausgabe vom 26. März 1997.1 Im entsprechenden
Artikel ist die Rede vom «Konsumterror im Kinderzimmer»2, von Kindern als «heimlichen
Lenkern des Marktes»3. Mit einer Fülle von Umfrageergebnissen wird belegt,
dass die Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen im Jahr 1997 von Werbung und
Konsum bestimmt war. Unbestritten scheint, dass «die 'Dingwelt', in der die
Kinder einst lebten, von einer Markenwelt abgelöst wurde, in der Auto
Mercedes oder Benz heisst, Taschentuch Tempo, Joghurt Fruchtzwerge und
Schokolade unweigerlich als lila Milka-Kühe endet».4
Die Pädagogik
darf an diesen Veränderungen nicht vorbeigehen, sondern muss vielmehr die
darin liegenden Chancen, aber auch die Gefahren erkennen, wenn es letztlich um
das Wohl des Kindes gehen soll:
Streben nach
Bequemlichkeit und unbegrenzter Lusterfüllung («Fun»): Übergewicht,
Haltungsschäden, Koordinationsprobleme, psychosomatische Erkrankungen,
Allergien, Beeinträchtigung des Hörvermögens
erschreckend
geringe Frustrationstoleranz: Suchtgefahr, Depressionen, hoher Konsum von
Psychopharmaka
emotionale
Verarmung: mangelnde Sensibilität (Gespür, Takt, Geschmack)
Verplanung der
Kindheit; Verlust von Phantasie und Kreativität
Verlust der
Gemeinschaft, Vereinzelung, Vereinsamung
Radikale Säkularisierung
und Kommerzialisierung: Sinnverlust (hohe Suizidquote unter Kindern und
Jugendlichen!), diffuse und irrationale Ersatzreligionen
Abhängigkeit,
Unselbständigkeit, Identitätsverlust: Kinder als Konsumenten.
Es ist leicht
einzusehen, dass die Unterscheidung zwischen Primärerfahrung und Sekundärerfahrung
theoretischer Art ist. Eine im strengen Sinn unmittelbare, direkte, eben primäre
Erfahrung gibt es gar nicht, sie ist immer schon vermittelte, also indirekte,
sekundäre Erfahrung. Aber auch wenn die Wirklichkeit niemals im strengen Sinn
primär erfahren werden kann, ist dennoch nicht zu leugnen, dass Indirektheit
und Mittelbarkeit der Erfahrung mit dem Fortschritt der Technik zunehmen. Phänomene
wie Computerspiele, Talklines zum Flirten am Telefon, Computerbanking,
Freizeit in der virtuellen Realität und vieles andere mehr zeigen deutlich,
dass ehemals ursprüngliche, natürliche Prozesse, Handlungen und
Verhaltensweisen in einer künstlichen, konstruierten, technisch erzeugten
Welt erfahren werden. Die direkte, unmittelbare Begegnung mit anderen Menschen
wird ersetzt durch einen mediatisierten, technisch umgeleiteten und anonymen
Einbahnstrassenkontakt.
Es besteht kein
Zweifel, dass der Medienkonsum von jungen Menschen in den letzten Jahren
deutlich gestiegen ist. Aus mehreren Untersuchungen, die von meinem Lehrstuhl
aus an Schulen durchgeführt wurden, lässt sich erkennen, dass selbst jene
Kinder voll und ganz in die Medienwelt integriert sind, deren Eltern bewusst
den Medienkonsum bis hin zum Verzicht einschränken; ferner hat sich in
unseren Umfragen bestätigt, dass der Konsum von Medien wie CDs, Videos,
Spielfilmen und vor allem Computerspielen bei den Freizeitbeschäftigungen an
vorderste Stelle gerückt sind. Nach einer Untersuchung von Bonfadelli
besassen bereits 1986 ungefähr 90% der 12- bis 15jährigen ein eigenes
Radiogerät und 40% eine HiFi-Anlage. 30% der 9- bis 10jährigen und 50% der
12- bis 15jährigen besitzen ein eigenes Fernsehgerät; die durchschnittliche
tägliche Sehdauer der 6- bis 13jährigen beträgt ein bis zwei Stunden.
Die meisten Kinder sitzen zwischen 18 Uhr und 21.45 Uhr vor dem Fernseher,
etliche auch noch nach 23 Uhr. Das Medium Video benutzen Jugendliche im
Durchschnitt etwa eine halbe Stunde täglich, überwiegend am Wochenende.
Einen eigenen Computer besassen im Jahre 1992 bereits 44% der Kinder und
Jugendlichen zwischen der vierten und zehnten Klasse. Für jüngere Kinder
sind von der Industrie eine Reihe von Spielmöglichkeiten entwickelt worden,
vom einfachen tragbaren Video-Taschenspiel bis hin zu speziellen
Spielkonsolen. 14- bis 17jährige verwenden ihr Taschengeld vorwiegend für
den Kauf von Musikkassetten und CD-ROM.
Nach Bonfadelli
verwenden Kinder und Jugendliche durchschnittlich 4 bis 5 Stunden am Tag für
Mediennutzung: Dabei verbringen sie die Hälfte der Zeit mit auditiven Medien,
etwa ein Drittel mit audiovisuellen Medien und etwa eine gute halbe Stunde mit
Printmedien.
Mit dem durch
Satellitenfernsehen weit vergrösserten Programmangebot veränderte sich unter
dem Diktat der Einschaltquoten auch oft die Qualität der Sendungen. Bei
Kindern rangieren in den unteren Jahrgängen eindeutig Zeichentrickfilme an
erster Stelle; aber auch Werbespots haben einen hohen Beliebtheitsgrad. Knapp
vor Abenteuer- und Actionfilmen sowie Thrillern liegen noch Comedy-Serien wie
«Alf» oder «Eine schrecklich nette Familie». Auf besonderes Interesse
stossen aber in den letzten Jahren Soap-operas wie «Gute Zeiten – schlechte
Zeiten» oder «Marienhof». Vor allem die im Nachmittagsprogramm
auftauchenden Talkshows wie «Arabella» weisen einen hohen Zuschaueranteil
bei Kindern und Jugendlichen auf.
Zusammenfassend
darf ich feststellen, dass der in den letzten Jahren rasant gestiegene
Medienkonsum die Freizeit und Lebenswelt unserer Kinder und Jugendlichen
dramatisch verändert hat. Auch wenn sich dabei eine Reihe von Chancen und
Vorteilen ergeben, scheint mir doch die Entwicklung vom Unmittelbaren zum
Mittelbaren hin zahlreiche Gefahren für eine gesunde Entwicklung mit sich zu
bringen, die im folgenden näher betrachtet werden.
Gefahren des übersteigerten
Medienkonsums
1. Eingeschränkte
Rumpf- und Schulterbeweglichkeit, Übergewicht, Koordinationsschwierigkeiten,
Essstörungen, Nervosität und Schlafstörungen sowie eine Reihe
psychosomatischer Erkrankungen und der hohe Konsum von Psychopharmaka
beweisen, dass zu grosser Medienkonsum zu Bequemlichkeit, Verweichlichung
sowie im psychischen Bereich zu mangelnder Frustrationstoleranz führen. Der
Verlust sinnlicher Betätigungen reduziert den Menschen auf ein Funktionswesen
nach dem Reiz-Reaktions-Schema, das weitestgehend durch den Konsumdruck
gesteuert wird. Dieser Zusammenhang wird zum Beispiel bei den
massenpsychotischen Phänomen unter Jugendlichen deutlich, deren
Ersatzreligion in der fanatischen Verehrung bestimmter Jugendgruppen wie «Take
That», «Backstreet Boys» oder der «Kelly-Family» besteht.
2. Die Zunahme
passiven Konsums hat zur Folge, dass die Entscheidungs- und Urteilsfähigkeit
von Jugendlichen reduziert. Medial vermittelte Lernprozesse, die sich in der
Weitergabe von Klischees und «Infos» erschöpfen, werden zunehmend ein Teil
der Grundsozialisation junger Menschen, wie sie zum Beispiel auch auf den
Bereich der Sexualerziehung zutrifft. Die (vermeintliche) Freiheit weicht
dabei Entscheidungszwängen; die Gefahr nimmt zu, dass Jugendliche manipuliert
werden, ohne es zu merken, indem sie herrschende Trends und attraktive
Modeideale internalisieren.
3. In Deutschland
hat die Kinderkriminalität in den letzten fünf Jahren um zwei Drittel
zugenommen. Hauptdelikte in der Kinder- und Jugendkriminalität sind
Ladendiebstahl und Sachbeschädigung. Aber auch sprachliche Verrohung und
Formen versteckter Gewalt, wie sie am Pausen- und Freizeitverhalten unserer
Kinder und Jugendlichen zu beobachten sind, stehen in engem Zusammenhang mit
dem Konsum bestimmter Medienangebote. Scheinbar «harmlose»
Zeichentrickfilme, aber auch Gewalt- und Horrorvideos vermitteln ein
primitives Gut-Böse-Schema und eine drastische Darstellung des Hässlichen,
Brutalen und Rücksichtslosen, die auf Kinder und Jugendliche wegen ihrer
markanten Darstellung eine besondere Attraktivität ausübt.
4. Im Zusammenhang
mit der Gewaltproblematik ist darauf hinzuweisen, dass auch die
Wertorientierung der Kinder und Jugendlichen auf sekundäre Weise beeinflusst
wird. Besonders in Talkshows werden Kinder unter dem Deckmantel der «Toleranz»
innerhalb kürzester Zeit mit den extremsten Werten konfrontiert, ohne dass
Massstäbe erkennbar würden, die zur Erkenntnis des Wahren und Guten, aber
auch des Schönen beitrügen. «Jedem das Seine – mir das Meiste» – diese
Parole scheint typisch für den diffusen Wertekosmos unserer Medienwelt zu
sein.
5. Die eben
angesprochene Subjektivierung hat natürlich eine Vereinsamung und den Verlust
der Gemeinschaft zur Folge, so dass seit neuestem die sogenannte «soziale
Kompetenz» zu einer Schlüsselqualifikation hochstilisiert wird. Grundlegende
soziale Fähigkeiten werden schon seit Urzeiten im einfachen, unmittelbaren
Spiel eingeübt. Hanne Tügel hat in ihrem ausgezeichneten Buch «Kult ums
Kind» diesen Verlust des Spielerischen folgendermassen beschrieben: «Es
verschwinden die Phasen, in denen selbst ausgedachte und mit den Mitspielern
gemeinsam ausgehandelte Regeln das Spiel bestimmen. Gerade dies war in der
Vergangenheit von kaum zu überschätzender Bedeutung für die Sozialisation:
Spiel ist eine selbstbestimmte, forschende Erkundung. Sie ermöglicht
Welt-Begreifen und Welterfassen. [. . .] Beim Gruppenspiel mischen sich die
Mit- und Gegenspieler in die Weltaneignung ein. Der eigene Wille stösst auf
einen fremden. Jetzt geht es darum, sich durchzusetzen und zurückzustecken,
Grenzen zu akzeptieren, sich zu arrangieren. [. . .] Spiele [sind]
[. . .] ein
subtiles Ventil, um negative Erfahrungen wie Kränkungen, Ärger, Demütigungen
auf eine neue Ebene zu heben und dabei zu verarbeiten»5 – Wie armselig und
pädagogisch wertlos erweisen sich davon ausgehend die meisten Computer- und
Videospiele!
6. Besonders die
schier übermächtige Bedeutung von Marken bei Kleidung, aber auch Essen und
Trinken sowie Sport und die hohe Attraktivität der Werbeartikel von
Musikgruppen und Fussballvereinen trägt dazu bei, dass bereits Kinder grosse
Schwierigkeiten haben, ein gesundes Selbstbewusstsein und eine eigene Identität
als Persönlichkeit zu entwickeln. Wer ständig in der Werbung als Idealbild
den jungen, gesunden, schlanken, leistungsfähigen, erfolgreichen und
gutaussehenden Menschen vorgeführt bekommt, wird stets an seine eigenen Unzulänglichkeiten
erinnert und so kaum fähig, jene Ich-Stärke zu entwickeln, aus der heraus
man sein Leben bewältigen und auf andere Menschen selbstbewusst zugehen kann.
7. Modetrends und
unrealistische Idole, wie sie in den Medien immer mehr als Symbole zur
Alltagsbewältigung dargestellt werden, tragen auch dazu bei, dass Kinder und
Jugendliche Fiktion und Wirklichkeit nicht mehr hinreichend unterscheiden
lernen. «Der Rückzug in virtuelle Welten dürfte die echte noch unwirklicher
machen.»6 Kinder und Jugendliche werden so illusioniert und der realen
Alltagswelt entfremdet. Anstrengung, mühevolle Leistung über einen längeren
Zeitraum hinweg, ja sogar Verzicht und Askese können so in ihrer grundsätzlichen
Bedeutung von jungen Menschen kaum mehr erkannt werden.
8. Der häufige
Konsum von Videospielen und die übermässige Beschäftigung mit dem Computer
hat eine Verdrängung von Gefühlen zur Folge, die sich an anderer Stelle
wieder verstärkt Ventil schaffen. Hanne Tügel stellt hierzu zutreffend fest:
«Wer als Kind nie gelernt hat, seine aggressiven Gefühle im realen Spiel mit
echten Spielkameraden wahrzunehmen und unter Kontrolle zu bringen, hat als
Teenager ein Problem. Reales Ausrasten und Prügeln hat unangenehme Folgen wie
blaue Flecken, gebrochene Rippen. Es bleiben die Angebote aus dem Reich der
Simulationen: Marathon im Techno-Rhythmus baut das vermisste Körpergefühl
auf. Ecstasy liefert die Hochstimmung, die im Alltag fehlt. Und in den Pausen,
zwischen dem kontrollierten Ausflippen, den „Raves“ am Wochenende, bleibt
das Bildschirmspiel, der Kampf mit der Maschine, der keinem wehtut, die
Auseinandersetzung mit den Helden, die es einem nicht übel nehmen, wenn man
sie hart rannimmt.»7
Lassen Sie mich
kurz zusammenfassen: Alle geschilderten Folgen übermässigen Medienkonsums
als Indikator für den Verlust von Primärerfahrungen sind deshalb für die
jungen Menschen so gefährlich, weil sie verhindern, dass Kinder und
Jugendliche fähig werden, ihr Leben zu bejahen, ein gesundes
Selbstbewusstsein zu entwickeln und dadurch ihren Alltag sinnorientiert und
verantwortungsbewusst zu gestalten. Familie und Schule müssen daher ihren
Erziehungsauftrag wieder ernster nehmen.
Die neuen Autoritäten
«Antiautoritäre
Erziehung», «Pluralismus», «Autoritätsschwund», «Emanzipation», «Selbstbestimmung»
usw. – all das sind Schlagwörter aus den letzten Jahren, die mehr oder
weniger deutlich gemacht haben, dass wir in einer wie auch immer näher zu
bestimmenden Autoritätskrise stehen. Diese kann wie jede Krise auch eine
fruchtbare Aufbruchsituation sein, indem man nicht einfach bedingungslos etwas
glaubt und nachbetet, weil es «schon immer so» oder zumindest sehr lange so
gewesen ist. Es ist durchaus sinnvoll, sich auf seine eigene
Entscheidungsfreiheit und seinen gesunden Menschenverstand zu besinnen und
auch Autoritäten auf ihre Legitimation hin zu befragen. Nur muss man genauso
gut die kritische Frage stellen, welche neuen Autoritäten sehr häufig
unbefragt anstelle der alten getreten sind und treten, und mit denen alles
andere als kritisch umgegangen wird.
Erzieherische
Konsequenzen für Schule und Familie
Technische
Entwicklungen bringen neben einer Fülle von neuen Möglichkeiten und Chancen
immer auch Gefahren mit sich. Eine Pädagogik, in deren Mittelpunkt das Wohl
des Kindes steht, muss daher die Veränderungen als Herausforderungen
betrachten, um daraus Konsequenzen für die erzieherische Arbeit abzuleiten.
Eine intensive Medienerziehung setzt voraus, dass Familie und Schule den
Kindern nicht nur Sachkenntnisse, sondern auch Massstäbe vermitteln, mit
deren Hilfe sie sich in der immer komplizierter werdenden Wirklichkeit
zurechtfinden können und so aus echter Ich-Stärke heraus handeln.
Jede pädagogische
Reflexion setzt ein bestimmtes Menschenbild voraus. Auf der Grundlage der
personalen Pädagogik8 verstehe ich den Menschen als ein im wahrsten Sinne des
Wortes «Lebe»-Wesen, als Sinneswesen, als ein Leib-Seele-Wesen. Angesichts
der sekundären Wirklichkeit ergeben sich davon ausgehend für die familiale
und schulische Erziehung eine Reihe existentieller Konsequenzen:
1. Der junge
Mensch mit seinen spezifischen und entwicklungspsychologisch typischen Fragen
und existentiellen Bedürfnissen steht im Mittelpunkt der Erziehung. Seine
Fragen, Wünsche und Ängste, Hoffnungen und Träume sind Ausgangspunkt jeder
erzieherischen Hilfestellung von Eltern und Lehrern. Gerade in der Familie ist
die zeitintensive Zuwendung und Beschäftigung mit den Kindern eine
wesentliche Voraussetzung dafür, dass Kinder im sicheren Gefühl der
Geborgenheit und des Vertrauens eine gesunde Ich-Stärke entwickeln können.
Gegen jede Pädagogisierung und Psychologisierung gilt es, das Recht auf
Kindsein wieder mehr zu respektieren.
2. Entgegen der
sekundären Wirklichkeit kommt es stärker darauf an, dem Kind Gelegenheiten
zu erschliessen, das Faszinosum Leben unmittelbar zu erfahren. Entsprechend
dem pädagogischen Prinzip der Lebensnähe sollte gerade in einer
technisierten Welt das Wunder des Lebens, seine Vielfalt und Dynamik, aber
auch der Geschenkcharakter des Lebens dem Kind erfahrbar werden. Das Staunenkönnen
ist ja bekannterweise auch aus entwicklungspsychologischer Sicht eine
wesentliche Voraussetzung dafür, Vertrauen in die Wirklichkeit zu gewinnen
und so zu Verantwortung fähig zu werden. Es braucht aber Zeit dafür,
bestimmte Erfahrungen zu sammeln, diese verstehen und einordnen zu können.
Nicht die Überflutung mit Informationen, sondern die echte Begegnung mit der
Wirklichkeit in altersgemässer Form hilft dem Kind, ein lebensbejahendes und
sinnerfülltes Verhältnis zur Welt zu gewinnen.
3. Diese
Verantwortungsfähigkeit, wie sie aus dem Urvertrauen zu den Eltern und der
Geborgenheit in der Familie erwächst, muss in der Schule dadurch gefördert
werden, dass die Lehrer ihre Erziehungsziele möglichst in der originalen
Begegnung vermitteln. Abstrakte Begriffe müssen mit Leben gefüllt,
begreifbar und erfahrbar gemacht werden. Insbesondere im religiösen Bereich
scheint mir in der familiären und schulischen Erziehung die Vermittlung eines
lebendigen Glaubens verlorengegangen zu sein. Dort, wo die Eltern an ihrem
Glauben keine Freude mehr haben, diesen nicht mehr als Antwort auf die
Sinnfrage verstehen, da wird jeder didaktisch noch so versierte
Religionsunterricht zum Misserfolg verdammt sein.9
4. Insbesondere in
der Familie, aber auch in der Grundschule ist eine stärkere Gewichtung des
Spieles und der damit verbundenen Spielfreude zu beachten. In unseren drogenpräventiven
Untersuchungen10 des Projektes «Live Leben» konnten wir den Beweis
erbringen, dass Kinder und Jugendliche, die sich in Spiel- und
Sportgemeinschaften betätigen, am besten vor einer Flucht aus dem Alltag in
die Drogensucht geschützt sind. Schule und Familie müssen im Spiel und darüber
hinaus jene Gemeinschaftserlebnisse fördern, aus denen die Kinder und
Jugendlichen wesentliche personale und soziale Fähigkeiten gewinnen. Vor
diesem Hintergrund müssen wir den verschiedensten Bereichen der
Freizeiterziehung wieder grössere Aufmerksamkeit schenken.
5. Eltern und
Lehrer sollten wieder stärker den Mut zum Vorbild haben. Angesichts der
ethischen Orientierungslosigkeit in der Werteinflation der sekundären
Wirklichkeit gilt es, die jungen Menschen zur Urteilsbildung zu befähigen und
zum sittlichen Handeln zu ermutigen. Kinder und Jugendliche können besonders
dort zu Persönlichkeiten heranreifen, wo sie aus einer festen Überzeugung
heraus im Gegensatz zu gesellschaftlich dominierenden Strömungen stehen.
6. Erziehung als
Lebenshilfe rückt die ganzheitliche Bildung als Globalziel in den
Mittelpunkt. Medienkompetenz darf nicht nur heissen, bestimmte Kulturtechniken
im Umgang mit neuen Geräten zu vermitteln, sondern die Kinder und
Jugendlichen gerade auch im Umgang mit ihren Gefühlen so zu stärken, dass
sie nicht sofort auf fragwürdige Scheinwirklichkeiten der Medien
hereinfallen.
7. Unverzichtbar
notwendig ist eine besondere Förderung der wert- und sinnorientierten
Dimensionen des menschlichen Lebens. Es gilt, die jungen Menschen bei der
lebenslangen Auseinandersetzung mit der Sinnfrage zu fördern und zu
begleiten, damit sie so wirklich einen Stand im Leben gewinnen und fähig
werden, Wesentliches von Unwesentlichem zu unterscheiden. Die Fülle der
Informationen und Wertangebote lässt häufig vergessen, dass dabei die Frage
nach dem Sinngrund unseres Daseins, nach den Ordnungsmassstäben um so grösseres
Gewicht bekommt. Vernetztes Denken allein genügt nicht – welchen Sinn erfüllt
ein Netz, wenn die Haltepunkte fehlen? Das Sinn- und Orientierungswissen ist
im Rahmen einer mehrdimensionalen Bildung unverzichtbar. Eltern und Lehrer
sind und bleiben Vorbilder, und von deren Qualität hängt es entscheidend ab,
ob die ihnen anvertrauten Kinder und Jugendlichen fähig werden, sich in einer
immer komplizierteren Welt zurechtzufinden und zu orientieren.
Vortrag, gehalten
anlässlich der Tagung der Internationalen Hippokratischen Gesellschaft am 23.
März 2002 in Bregenz.
Fussnoten
1 Vgl. Stern, Heft Nr.
14, 26.3.97, S. 50-64
2 Ebd. S. 53
3 Ebd. S. 52
4 Ebd. S. 56
5 Tügel 1996, S. 158
6 Ebd. S. 168
7 Ebd. S. 162
8 Vgl. Stippel 1958; Zöpfl
1976
9 Zu einem lebensnahen
Religionsunterricht vgl. Gottfried 1995.
10 Vgl. Zöpfl 1993
Literaturverzeichnis
Bauer, K. W. / Hengst,
H. (1980). Wirklichkeit aus zweiter Hand. Kinder in der Erfahrungswelt von
Spielwaren und Medienprodukten. Reinbek b. Hamburg
Bayerisches
Staatsministerium für Unterricht und Kultus, Wissenschaft und Kunst (Hrsg.)
(1996): Medienerziehung in Bayern. Einführung in das Gesamtkonzept. Donauwörth
Bonfadelli, H. u. a.
(1986): Jugend und Medien. Frankfurt
Borst, O. (1983):
Alltagsleben im Mittelalter. München.
Bundeszentrale für
politische Bildung (Hrsg.) (1993): Computerspiele: Bunte Welt im grauen
Alltag. Bonn.
Freyer, H. (1955):
Theorie des gegenwärtigen Zeitalters. Stuttgart.
Gottfried, T. (1995):
Religionsunterricht als Lebenshilfe. Diakonische Orientierung des
Religionsunterrichts in der postmodernen Gesellschaft. Essen.
von Hentig, H. (1984):
Das allmähliche Verschwinden der Wirklichkeit. En Pädagoge ermutigt zum
Nachdenken über die Neuen Medien. München-Wien.
Jugendwerk der Shell
(Hrsg.): Jugend 92, Band 4. Opladen.
Merkert, R. (1992):
Medien und Erziehung. Einführung in pädagogische Fragen des
Medienzeitalters. Darmstadt.
Stippel, F. (1958):
Grundlinien personaler Pädagogik. In: Vierteljahresschrift für
wissenschaftliche Pädagogik (1958)3, S. 149-168.
Tügel, H. (1996): Kult
ums Kind. Grosswerden in der Kaufrauschglitzercybergesellschaft. München.
Zöpfl, H. (Hrsg.)
(1976): Besinnung auf den Menschen in der Pädagogik. Donauwörth.
Zöpfl, H. (1993):
Drogen. Informieren und Vorbeugen in der Erziehung. Donauwörth.
Zöpfl, H. (1994):
Bildung und Wissen in einer veränderten Welt. In: Seibert, N. / Serve, H. J.
(Hrsg.) (1994): Bildung und Erziehung an der Schwelle zum dritten Jahrtausend.
Multidisziplinäre Aspekte, Analysen, Positionen, Perspektiven. München, S.
487-512.
Unterrichtsstil
und Hyperaktivität
von
Ilse Berg, Lehrerin, Deutschland
Ein wichtiger Faktor, der zu
Unruhe oder aber zu seelischer Ausgeglichenheit und Lebensfreude der Kinder
beiträgt, ist die Schule. Sowohl die Lehrerpersönlichkeit als auch die
Unterrichtsmethoden können entscheidend günstig oder ungünstig Einfluss
nehmen. Am folgenden Beispiel soll aufgezeigt werden, wie sich sogenannt «offene»
Unterrichtsformen, die heute vielerorts praktiziert werden, auswirken können.
Es ist in Fachkreisen unbestritten, dass «hyperaktive» Kinder im offenen
Unterricht besondere Orientierungsschwierigkeiten haben und dass sogar bisher
unauffällige Kinder in nicht direkt angeleitetem, unstrukturiertem mit frei
verfügbarem «Lernangebot» zu Unruhe und Orientierungslosigkeit neigen. In
klar strukturiertem, angeleitetem Unterricht mit einem zugewandten Pädagogen,
der sich in seiner ganzen Persönlichkeit einbringt, können dieselben Kinder
sehr wohl ruhig und intensiv lernen. Wie sich die Art des Unterrichts auf
Kinder auswirkt, wird am Beispiel der Zwillinge Mara* und Johanna*
ersichtlich.
Mara und Johanna
werden von ihren Eltern sorgfältig und liebevoll erzogen. Beide Mädchen sind
altersgemäss entwickelt und wurden im Kindergarten gleich gut gefördert.
Bei der
Einschulung bittet die Mutter, die Mädchen in zwei verschiedenen Klassen
unterzubringen, damit keine Konkurrenz entstehe. Die Schule entspricht diesem
Wunsch gern. Mara kommt in eine Klasse mit 26 Schülern, deren Lehrerin kurz
vor der Pensionierung steht. Sie arbeitet allein in der Klasse. Johannas
Lehrerteam dagegen ist jung. Es sind zwei Lehrerinnen, die gleichberechtigt
als Klassenlehrerinnen unterrichten. In dieser Klasse sitzen nur 24 Schüler.
Mara hat
Unterricht von 8.00 Uhr bis 12.30 Uhr. Spielsachen darf sie nur nach Absprache
mit der Lehrerin mitbringen. Schon nach kurzer Zeit hat sie einen festen
Stundenplan. Lesen, Basteln, Rechnen, Musik, Sport und Sachunterricht finden täglich
zur gleichen Zeit statt.
Johanna dagegen
hat täglich «verlässliche Halbtagsgrundschule», das heisst Unterricht,
unterbrochen durch Spielzeiten. Die Kinder besuchen die Schule alle von 8.00
Uhr bis 13.00 Uhr. Johanna hat keinen Stundenplan, sie darf Spielzeug in die
Schule mitnehmen.
Mara bekommt täglich
Hausaufgaben. Sie muss lesen üben und Buchstaben farbig ausmalen. Nach einem
halben Jahr kann Mara schon viele Zahlen und Buchstaben erkennen. Sie beginnt
erste Leseübungen.
Johanna möchte
auch Hausaufgaben machen, deshalb spricht die Mutter mit den Lehrerinnen. Sie
macht sich Sorgen, denn Johanna ist zu Hause unruhig und streitet viel mit
ihrer Schwester. Johanna äussert, dass sie die eine Lehrerin nicht mag, weil
sie immer meckere. Die Mutter erfährt, dass Johanna «offenen» Unterricht
hat. Die Lehrerinnen möchten nicht, dass zu Hause geübt wird, denn sie sind
der Meinung, die Kinder sollten sich entspannen, damit sie den «Schulstress»
aushalten.
Tatsächlich wirkt
Johanna nach der Schule oft erschöpft und ist schlechter Stimmung. Hunger hat
sie nicht, und meist schläft sie sofort ein. Anstatt zu spielen, starrt sie
oft vor sich hin, dann wieder ist sie überspannt, rennt herum und ist sehr
wild.
Die Eltern
verstehen nicht, warum sich die beiden Mädchen so unterschiedlich entwickeln.
Die Eifersucht ist verstärkt, und die Freundschaft, die von klein auf
zwischen den beiden Mädchen gewachsen war, tritt in den Hintergrund.
Mara hat zwei
beste Freundinnen, mit denen sie sich auch schon manchmal verabredet. Johanna
kann gar nicht sagen, wer von ihren Klassenkameraden in der Nähe wohnt, es fällt
ihr schwer, zu sagen, welches Mädchen nett ist. Sie erzählt öfter von
Streitereien und Schlägereien im Klassenzimmer.
Die eine Lehrerin
von Johanna hat sich an eine andere Schule gemeldet. Die Schulleitung begründet,
im Team habe es Schwierigkeiten gegeben. Nach einem Jahr ist auch die zweite
Lehrkraft nicht mehr an der Schule. Sie erwartet ein Kind. Nun wird Johannas
Klasse von einer Lehrerin übernommen, die geführten Klassenunterricht macht,
wie sie den Eltern an einem Elternabend erklärt. Auch teilt sie den Eltern
mit, dass die Klasse einen grossen Leistungsrückstand habe und sorgfältig zu
einer Klassengemeinschaft angeleitet werden müsse, bevor die Unruhe sich
legen kann. Viele Eltern, die schon an der Begabung ihres Kindes gezweifelt
haben, sind erleichtert. Vielleicht liegt es doch nicht am Kind, dass es so
grosse Mühe mit dem Lernen hatte?
Langsam beruhigt
sich Johanna. Etwa in der Mitte der zweiten Klasse kann sie die ersten Sätze
lesen. Sie bekommt jetzt regelmässig Hausaufgaben, die sie mit Freude
erledigt. Erste Freundschaften entstehen. Nach der Klassenreise ist sie wie
ausgewechselt, fröhlich und unbeschwert wie früher. Die Freundschaft der
Schwestern kann sich wieder entfalten. Die Eltern sind froh, dass sie dem Rat
des Schulpsychologen nicht gefolgt sind, ihrer Tochter Ritalin zu geben.
* Namen und Umstände
von der Redaktion geändert.
Keine
besseren Schulleistungen
mit Ritalin
Zuweilen wird behauptet, unter
Ritalin könnten die Kinder besser lernen. Das ist ein Trugschluss:
- «Stimulantien verbessern zwar das Arbeitsverhalten und
die Fähigkeit, eine Aufgabe fertigzustellen, doch langfristige
Verbesserungen des Schulerfolges wurden nie nachgewiesen.» Vgl. Zametkin,
Alan J., Ernst Monique. Problems in the Management of
Attention-Deficit-Hyperactivity Disorder. New England Journal of Medicine.
January 7 1999, S. 40-46. S. 40. New England Journal of Medicine. January 7
1999, S. 44.
- «Eine Analyse der Leistungen in Rechnen und Sprache
zeigte keine signifikanten Unterschiede zwischen den Gruppen [mit und ohne
Ritalin].» Vgl. MTA Cooperative Group. A 14-month randomized
clinical trial of treatment strategies for attention deficit/hyperactivity
disorder. Archives of General Psychiatry 56 (1999), S. 1080.
Wirkliche
Hilfe statt Ritalin
Franco
ein Fallbeispiel
von
Dr. phil. Judith Barben, Kinderpsychologin, Baden bei Zürich
Der folgende Ausschnitt aus einer
Erziehungsberatung und Kindertherapie zeigt, wie sich eine sogenannte «Verhaltensauffälligkeit»
durch ein ungünstiges Beziehungsmuster in der Eltern-Kind-Beziehung
einspielen kann. Auch die Geschwistersituation spielt eine wichtige Rolle. Wie
die meisten Eltern legen auch die Eltern von Franco ihre volle Fürsorglichkeit
in die Erziehung ihrer Kinder und sind froh, Hilfe und Unterstützung zu
erhalten.
Francos* Mutter
sucht Rat bei der Kinderpsychologin, weil sie mit ihrem achtjährigen Sohn
nicht mehr weiter weiss. Franco muss die zweite Klasse wiederholen, obwohl er
den Leistungsstand hat. Die Lehrerin sei der Meinung, mit seinem Verhalten könne
er in der dritten Klasse nicht bestehen. Er störe oft den Unterricht, höre
nicht zu und habe viel Streit mit den anderen Kindern. Die Mutter glaubt, dass
die Lehrerin verkenne, dass Franco sich nicht wehren könne. Die anderen würden
zu ihm «Fettsack» sagen, was ihn sehr verletze. Die Mutter ist
einverstanden, dass die Psychologin mit der Lehrerin telefoniert, um deren
Eindruck zu erfahren.
Die Lehrerin ist
der Meinung, dass Francos Eltern Hilfe brauchen. Sie zeichnet ein sehr
differenziertes Bild von dem Buben. Der Knabe sei im Rechnen sehr schwach, in
der Sprache gehe es einigermassen, doch das Hauptproblem sei sein Verhalten in
der Klasse. Er könne sich an keine Spielregeln halten, dränge sich immer
vor, kritisiere die anderen Kinder und trete sie, wenn sie sich wehren würden.
Er wolle stets der Beste sein. Im mündlichen Unterricht arbeite er nie normal
mit. Oft nehme er anderen Kindern Dinge weg oder spucke sie an. Franco fehle
wohl die innere Zuversicht, dass er mit den anderen Kindern mithalten könne
und deshalb versuche er auf negative Weise, Aufmerksamkeit zu erhalten.
Eifersucht
auf den jüngeren Bruder
Als Francos Eltern
zum ersten Gespräch kommen, ist die Mutter völlig aufgelöst. Am Vortag habe
sie einen Nervenzusammenbruch gehabt, berichtet sie, und der Vater habe früher
nach Hause kommen müssen, um sie zu beruhigen. Der Anlass sei eine Zündelei
mit drei anderen Knaben gewesen. Mit einem Feuerzeug hätten die vier einen
Stapel alter Zeitungen angezündet, was zu Aufruhr im Quartier geführt habe.
Die Eltern der anderen Knaben seien zu Francos Eltern gekommen und hätten
Franco beschuldigt, an allem schuld zu sein. Er habe ihre Söhne zu der
Dummheit angestiftet. Die Mutter sagt, sie halte die ständigen Klagen über
Franco nicht mehr aus.
Auf die Frage, wie
es zu Hause gehe, erzählen die Eltern offen, dass Franco sehr eifersüchtig
auf seinen viereinhalb Jahre jüngeren Bruder sei. Seit dessen Geburt sei er
schwierig geworden und unternehme alles, um die Mutter in Sorge und Aufregung
zu versetzen. Der Vater rede jeden Abend beim Schlafengehen mit ihm, er müsse
sich bessern, doch es nütze nichts. Die Psychologin erzählt von einem Mädchen,
bei dem die Eltern, Grosseltern und Tanten sich seit der Geburt der jüngeren
Schwester jede erdenkliche Mühe gegeben hätten, damit sie keinen Grund zur
Eifersucht habe. Doch gerade dadurch habe sich bei diesem Mädchen das Gefühl
entwickelt, dass die Kleine eine Bedrohung für sie sei. Da bestätigen
Francos Eltern spontan: Ja, genau so sei es bei ihnen auch gewesen, immer hätten
sie darauf geachtet, dass Franco keinen Grund zur Eifersucht habe, und dennoch
sei er so eifersüchtig. Die Mutter meint, dass sie den Älteren immer etwas
bemitleidet habe. Nun fragt die Psychologin, ob die Mutter Franco aus diesem
Mitleid heraus vielleicht zu wenig Führung gegeben habe. Ja, sagt die Mutter
erstaunt, bei Francos Störaktionen habe sie oft gedacht: Er hat es halt
schwer wegen des jüngeren Bruders.
Veränderte
Haltung der Eltern
Die Psychologin
erklärt den Eltern, dass jedes Kind ausprobiert, wie die Eltern reagieren und
wo es ein Echo bekommt. Deshalb sei es wichtig, dass die Mutter versuche, ihre
Sorge wegzulassen und ihrem Älteren zuzutrauen, sich wie ein vernünftiger
Achtjähriger zu benehmen. Sie solle bewusst darauf achten, Franco nur eine
kurze Korrektur und sonst kein Echo zu geben, wenn er sich im Negativbereich
bewege. Hingegen solle sie sich bei normalem oder positivem Verhalten herzlich
zuwenden. Dem Vater rät die Psychologin, mit Franco nicht mehr so belastende
Gespräche beim Schlafengehen zu führen. Beide Eltern sind froh, endlich eine
Anleitung zu erhalten, wie sie mit Franco umgehen können.
Beim nächsten Mal
berichten die Eltern, dass es viel besser gegangen sei. Der Mutter ist es
gelungen, Franco ihre Sorge nicht mehr zu zeigen. Zum Beispiel verkündete er
am Morgen, er gehe heute nicht zur Schule. «Das musst du selber wissen»,
meinte die Mutter gelassen, «das ist mir gleich.» Erstaunt blickte der Knabe
sie an und machte sich auf den Weg. Am Abend sagte er irritiert: «Mami, du
bist irgendwie anders als sonst.»
Auch der Vater ist
gelassener geworden und lässt die belastenden Gespräche am Abend weg. Die
Psychologin ermutigt die Eltern, so weiterzufahren. Da fragt die Mutter «Aber
warum macht er das bei mir? Hat er mich nicht gern?» Die Psychologin erinnert
daran, dass Franco bisher durch Negativverhalten von der Mutter Zuwendung und
Beachtung bekam. Jetzt sei er daran, etwas Neues, für das Leben Tauglicheres
zu lernen und sie als Mutter müsse ihm den Weg dabei zeigen und ihm
behilflich sein.
Franco
beginnt konstruktiv mitzutun
Nun will die
Psychologin Franco kennenlernen. Als sie ihn im Wartezimmer abholt, schaut er
zu Boden und klammert sich an die Mutter. Er will, dass diese mitkommt und
folgt der Psychologin nur zögernd. «Jetzt will ich einmal sehen, wie du
rechnen kannst», fordert sie ihn freundlich auf und legt ihm einige Aufgaben
vor. Sie stellt fest, dass er einfachste Rechnungen mit den Fingern rechnet
und Mühe hat, sich im Zahlenraum zu orientieren. Sie zeigt ihm, wie er mit
dem Kopf statt mit den Fingern rechnen kann, und es geht besser. Zum ersten
Mal schaut er sie an. Sie spricht ihm Mut zu, dass er ein guter Schüler
werden kann, wenn er so weitermacht.
Die veränderte
Haltung der Eltern und die Ermutigung der Psychologin wirkt sich bald positiv
auf die Schule aus. Franco stört weniger, und immer wieder gelingt es ihm,
ganze Schulstunden konstruktiv mitzutun. Zur Belohnung für sein gutes
Verhalten bekommt er von der Handarbeitslehrerin ein Stoffherz, und die
Lehrerin lobt ihn. Offenbar hat ihn das Zutrauen der Mutter so gestärkt, dass
er in der Schule besser mitarbeiten kann.
Beim einem nächsten
Gespräch ist die Mutter wieder ganz aufgelöst. Franco hatte wegen Krankheit
der Lehrerin Unterricht bei einer Vertretungslehrerin und wurde wegen seines
schlechten Verhaltens nach Hause geschickt. Auch am nächsten Tag darf er
nicht zur Schule gehen. Die Psychologin meint, dass das kein Grund zur
Aufregung sei, sondern ein Anlass für Franco zu lernen, dass sein Verhalten
Konsequenzen habe. Das leuchtet der Mutter ein. Es gelingt ihr, am nächsten
Tag gelassen zu bleiben und Franco weder zu bedauern noch mit ihm zu
schimpfen.
Positive
Auswirkung auf die Familienstimmung
Im darauffolgenden
Elterngespräch strahlen beide Eltern. Sie sind erleichtert, dass es besser
geht. Franco packe die Dinge mehr an, berichten sie. Nun wolle er zum
Fussballclub, ob das nicht eine Überforderung sei. Ganz im Gegenteil, meint
die Psychologin, ein Mannschaftssport könnte sein Selbstwertgefühl sehr stärken.
Der Vater erzählt,
dass es ihm zu schaffen macht, dass Franco immer noch so schreit, wenn ihm
etwas nicht passt. Die Mutter lässt sich dadurch nicht mehr aus der Ruhe
bringen, und Franco hört dann jeweils recht schnell auf. Es stellt sich
heraus, dass der Vater sich vor den Nachbarn schämt und deshalb in Aufregung
kommt. Er nimmt sich vor, nicht mehr an die Nachbarn zu denken und mit Ruhe
auf Francos Geschrei zu reagieren. Die Mutter bringt zum Ausdruck, dass sie
sich von der Psychologin verstanden und unterstützt fühlt und dass sie oft
schon der Gedanke beruhigt, die Situation wieder mit ihr besprechen zu können.
Das neue Verständnis dafür, was sich zwischen ihr und Franco abspielt, ermöglicht
ihr, die Beziehung zu ihm anders zu gestalten.
Dass die Eltern
den Mut hatten, sich ernsthaft mit Franco und ihren eigenen Gefühlsreaktionen
auseinander zusetzen, hat sich sehr positiv auf die Familienstimmung
ausgewirkt. Damit ist der Anfang für die weitere gemeinsame Arbeit der
Psychologin mit Franco und seinen Eltern gemacht.
Hirnforscher
stellt
gängige Erklärungsmuster
in Frage
jb. Professor Gerald Hüther,
Neurobiologe und Hirnforscher an der Universität Göttingen, stellte in
seinem Tagungsreferat in Bregenz die gängige Hypothese der Ritalinbefürworter
in Frage, dass die mit «ADHS» etikettierten Kinder einen Dopaminmangel1 im
Gehirn hätten und sich deshalb nicht konzentrieren könnten; die Zappeligkeit
dieser Kinder, so lautet die gängige These weiter, sei Folge dieser
Konzentrationsschwierigkeiten, und da Ritalin die Dopaminausschüttung
stimuliere, könnten diese Kinder sich nach der Ritalineinnahme besser
konzentrieren und würden dadurch ruhiger.
Professor Hüther
vermutet gerade das Gegenteil! Mit «ADHS» etikettierte Kinder hätten nicht
einen Dopaminmangel im Gehirn, sondern einen Dopaminüberschuss. Dieser Überschuss
erkläre die übermässige Zappeligkeit. Durch das Ritalin würde die
Dopaminausschüttung noch weiter stimuliert, was aber nicht zu einer erhöhten
Aktivität führe, da diese Kinder bereits überaktiv seien und den
Unterschied kaum noch merken würden. Nach kurzer Zeit trete dann aber ein
Dopaminmangel auf, weil die Dopaminspeicher durch die massive Ausschüttung
entleert seien. Der so entstandene Dopaminmangel bewirke die vorübergehende
Beruhigung nach der Ritalineinnahme.
Die Gegensätzlichkeit
dieser beiden Theorien zeigt auf, wie ungeklärt die hirnorganische Grundlage
der sogenannten kindlichen Hyperaktivität ist. Zieht man zudem in Betracht,
wie wenig auch über den tatsächlichen Wirkmechanismus von Ritalin bekannt
ist, fragt man sich, wie wir dazu kommen, einen solchen Stoff so bedenkenlos
an unsere Kinder abzugeben. Die breite und unkritische Verwendung von Ritalin
steht in auffälligem Kontrast zur Unkenntnis über seine Wirkung. Einig ist
sich die Fachwelt über folgendes:
1. Es gibt kein
allgemein akzeptiertes Diagnoseverfahren für «ADHS».2
2. Es gibt keine
bekannte organische Ursache für «ADHS».3
3. Der
Wirkmechanismus von Ritalin im Gehirn ist nicht hinreichend geklärt.4
Professor Hüther
warnte vor den noch wenig erforschten langfristigen Folgen des Ritalins.
Ergebnisse von Tierversuchen lassen – so Hüther – befürchten, dass das
Mittel die Ausreifung des Dopaminsystems irreversibel schädigt und dass Spätschäden
wie die gefürchtete Parkinsonkrankheit (Schüttellähmung) auftreten könnten.
In Tierversuchen stellte man fest, dass die chronische Verabreichung von
Ritalin die Dichte der Dopamintransporter im Corpus striatum (einer Struktur
im Mittelhirn, die Motorik und Motivation steuert) deutlich senkte. Diese
Verminderung der Dopamintransporter erholte sich – auch nach Absetzen des
Mittels – nicht.5 Bei langfristiger Ritalineinnahme ist deshalb auch beim
Menschen mit einer Verminderung der Dichte der Dopamintransporter zu rechnen,
was für die Parkinsonkrankheit typisch ist. Bei diesen Patienten ist die
Dichte der Dopamintransporter um bis zu 71 Prozent reduziert. Ganz
offensichtlich ist es nicht zu verantworten, mit einer so potenten Droge wie
Ritalin in ein derart komplexes und sensibles Gefüge wie das menschliche
Gehirn einzugreifen.
Mit einem
Vergleich zeigte Professor Hüther die Unfähigkeit der Hirnforschung –
trotz enormer Fortschritte – auf, menschliches Verhalten, Denken und Fühlen
zu beschreiben, geschweige denn zu erklären: «Trotz der inzwischen
erreichten, recht beachtlichen Sensitivität und Auflösung unserer
bildgebenden Verfahren [für Vorgänge im Gehirn] sind wir noch weit davon
entfernt, diese Bahnungsprozesse darstellen zu können. Was wir mit diesen
Techniken gegenwärtig erkennen können, ist bestenfalls vergleichbar mit dem,
was eine Luftbildaufnahme einer Grossstadt im Nebel über das Leben der
Menschen in dieser Stadt aussagt. Wir können die Lage und Grösse einzelner
Stadtteile und die Breite besonders befahrener Verbindungsstrassen vermessen.
Mit Hilfe der funktionellen Verfahren lässt sich erkennen, in welchen
Regionen normalerweise mehr Betriebsamkeit herrscht und wie sich die Verhältnisse
ändern, wenn mehr oder weniger gezielt in das alltägliche Getriebe
eingegriffen wird.»6
Trotz des geringen
Wissens, angesichts der Komplexität geistig-seelischer Abläufe sind die
gesicherten Befunde der neueren Hirnforschung von grosser Bedeutung. Sie bestätigen
die Erkenntnisse der Entwicklungspsychologie und Bindungsforschung: «Da das
Gehirn zeitlebens plastisch ist und die in ihm entstandenen Verschaltungen
entsprechend veränderbar sind, kann man sich auch noch als Erwachsener für
eine neue Art der Verwendung entscheiden, wenn man feststellt, dass man
gewisse Fehler gemacht hat.» Eine wichtige Voraussetzung zur lebenslänglichen
Lernfähigkeit liegt dabei insbesondere in sicheren und verlässlichen
Bindungen zu anderen Menschen.7
1 Dopamin (DA) ist ein Botenstoff
(Neurotransmitter) im Gehirn, der an den Schaltstellen zwischen den
Nervenzellen (Synapsen) Impulse von einer Nervenzelle zur nächsten überträgt.
DA wird bei Erregung freigesetzt.
2 «Die Ätiologie des hyperaktiven Syndroms
ist nicht bekannt, und es gibt keinen diagnostischen Test.» Vgl.
Arzneimittel-Kompendium der Schweiz. Behördlich genehmigte Fachinformation.
Basel: Documed 2002, S. 2284.
3
Zametkin, Alan J., Ernst Monique. Problems in the Management of
Attention-Deficit-Hyperactivity Disorder. New England Journal of Medicine.
January 7 1999, S. 40-46. S. 40.
4 vgl. Artikel «Seelische und körperliche
Folgeschäden der Ritalineinnahme» auf S. 9
5 Moll,
G.H., Hause, S., Rüther, E., Rothenberger, A., Hüther, G. Early
methylphenidate administration to young rats causes a persistent reduction in
the density of striatal dopamine transporters. J. Child Adolesc. Psychopharmacol.
2001; 11:15-24.
6 Hüther Gerald, Adler Lothar, Rüther
Eckart. Die neurobiologische Verankerung psychosozialer Erfahrung. Zsch.
Psychosom. Med. 45, 2-17, 1999, S. 14.
7 Gebauer Karl, Hüther Gerald. Kinder
brauchen Wurzeln. Düsseldorf, Zürich, 2001, S. 17.
Hyperaktivität
und Bewegungslinie
des Kindes
Möglichkeiten
der Begleitung in der Beziehung zum Kind für Eltern, Kinderärzte,
Kinderpsychologen und Lehrer
von
Dr. Anita Schächter, Psychologin, Heitersheim
Jede Mutter, jeder Vater, jeder,
der mit Kindern arbeitet, weiss um die Einzigartigkeit des Kindes und einer
jeden Familienkonstellation. Aus der psychologischen Arbeit mit Kindern lässt
sich sagen, dass es möglich ist, hyperaktive Kinder oder besser gesagt,
Kinder, die sich in ihrer Aktivität schlecht steuern können, in der
Beziehung so zu begleiten, dass sie innerlich ruhiger werden. Vertreter der
Bindungstheorie kommen zum selben Schluss. Diese Begleitung erfordert in
erster Linie Geduld und Sorgfalt im Verstehen und auch eine Kooperation
zwischen Kind, Eltern, Kinderarzt, Lehrerin und gegebenenfalls auch
Kinderpsychologen.
Voraussetzung für
effektive Hilfe ist, dass es gelingt, den Unruhepunkt im Lebensgefühl des
Kindes herauszuschälen, was ein Einfühlen in seine innere Bewegungslinie
voraussetzt. Den Begriff der Bewegungslinie hat ursprünglich Alfred Adler
geprägt. Er umfasst einerseits das Gefühl des Kindes von sich selbst, das
heisst seine Selbsteinschätzung, aber auch das Erleben der Mitmenschen und
der Lebensaufgaben, die vor ihm liegen. Gleichzeitig erfasst der Begriff aber
auch die individuelle Art und Weise, mit der das Kind sich aus diesem gefühlsmässigen
Erleben heraus im Leben bewegt: Wie es sich in die menschlichen Beziehungen
eingibt und wie es das Leben – zum Beispiel das schulische Lernen – zu bewältigen
sucht.
Diese
Bewegungslinie zu erfassen, erfordert das Gespräch mit den Eltern, dem Kind,
das Beobachten der Interaktion zwischen beiden. Dann ist es möglich, das Kind
in seiner individuellen Gefühlslage und damit auch seine inneren Unruhe zu
verstehen und es daraus heraus zu begleiten. Die praktische Arbeit mit dem
Kind ist immer kleinschrittig, erfordert Geduld und ist von Rückfällen
begleitet.
Das klingt
abstrakt, ist aber ganz lebensnah, wie folgendes Beispiel zeigt:
Julian*, 9, ist
ein Kind wie viele andere und doch ganz Julian. Er wurde über ein Jahr mit
Ritalin behandelt. Diagnose: Aufmerksamkeitsstörung ADS mit Hyperaktivität.
In der Erziehung war es nie so leicht, ihn zu führen. Julian schluckte die
verordneten Tabletten nicht gerne. Die Eltern waren skeptisch. Nun suchten sie
Hilfe bei der Kinderpsychologin. In der Woche nach dem Elternerstgespräch kam
Julian zum ersten Mal.
Das Gespräch kam
auf Ritalin, das er bis vor kurzem eingenommen hatte: «Julian, du hast doch
mal so Tabletten genommen?» «Ja, das war Ritalin», stimmt er spontan zu. «Und,
wie haben die gewirkt?» Julian schaute mich an und antwortete ebenso spontan:
«Schlapp, müde war ich davon. Ich hab nicht mehr gerne gegessen, alles war
langweilig, es war gar nichts mehr so wie früher.» «Und was ist jetzt
anders?» «Jetzt kann ich mich mehr bewegen, vorher war ich so schlapp. Alles
macht mehr Spass.»
Seine konzise
Antwort beeindruckt in ihrer Klarheit. Seine Offenheit, die bei jenen
lebendigen Kindern häufig anzutreffen ist, bestärkt mich ihn zu fragen,
wobei er denn Hilfe brauchen könnte. Er überraschte wieder mit seiner
spontanen Antwort: «Du kannst mir helfen, dass ich nicht gleich so wütend
werde, mich nicht so aufrege über Dinge.»
Julian macht es
einem leicht, mit ihm gemeinsam herauszuarbeiten, in welchen Situationen er
seine Wut aufschäumen lässt. Es sind Situationen, in denen er sich ungerecht
behandelt fühlt oder nicht der Beste ist. Das Ritalin «erteilte» seinen Gefühlen
der Wut ein «Auslebeverbot», fesselte die Wut, ohne sie zu beheben. So kam
es nicht mehr zu den häufigen Ausbrüchen bei Julian. Doch das Ritalin tat
noch mehr an Wirkung, es legte sich bleiern über seinen gesamten Gefühlshaushalt.
Es führte zu keiner Reifung in der Entwicklung der höheren Ich-Funktionen,
es ermöglichte ihm auch nicht, an den für ihn entscheidenden Punkten
weiterzulernen, zu reifen. Denn der entscheidende Punkt im inneren Ablauf
heisst ja, herauszufinden, was das Kind selbst tun kann, um die kritischen
Situationen befriedigender zu gestalten.
Dies hiesse zu
lernen, was genau ihn so wütend macht, zu lernen, wie die Konflikte sich
anders lösen lassen, zu lernen, wie man mit Wutgefühlen anders, besser
umgehen kann, zu lernen, wie adäquate Konfliktlösestrategien aussehen, die
im Leben tragen – das ist die Aufgabe, vor der Julian, und mit ihm die
anderen Leidensgenossen auch, stehen.
Es ist jeweils
eine fachliche Herausforderung, die Psychodynamik des Kindes genau
herauszuarbeiten. Der anspruchsvollere Schritt besteht jeweils darin, mit den
Eltern eine Form der Kooperation zu entwickeln, die dem Kind das Erarbeiten
alternativer Bewältigungsstrategien ermöglicht. Hier möchte ich als
Psychologin noch einen Schritt tiefer gehen: Nicht das Verhalten, sondern das
Kerngefühl bedarf einer Korrektur. Die Eltern müssen verstehen können, was
im Kind vorgeht. Sie müssen nachvollziehen, wo sie das Kind missverstehen, möglicherweise
zu viel von ihm erwarten, zu schnelle Erfolge sehen wollen, worüber sie sich
ärgern beim Kind, es somit ungünstig begleiten.
Hierbei
interessiert uns Psychologen nicht nur das, was zwischen zwei Menschen
passiert, sondern auch das «Wie», die Qualität des Wechselspiels. Die
Qualität meint das, was sich im Gefühl der Mutter und im Gefühl des Vaters
und auch des Kindes abspielt. Dies aufzuschlüsseln ist psychologische
Feinarbeit. In einer Stimmung des Vertrauens gilt es herauszuschälen, was aus
der eigenen Lebensgeschichte in die Beziehung zum Kind hineinspielt. Es kann
sein, dass ein Elternteil beim Geschwister mehr mitlebt, es kann sein, dass
ein Elternteil dann besonderes Echo gibt, wenn das Kind Erfolg oder Misserfolg
hat usw. Das alles baut das Kind in sein Selbstbild ein, es zieht Schlüsse
daraus, Schlüsse, die privatlogisch und somit oft fehlerhaft sein können.
Dieses ganze Geflecht gilt es zu verstehen. Die Ressourcen und die
Schwachpunkte müssen sauber herausgearbeitet werden. So kann man lernen, aus
einer inneren Nähe heraus, aus dem echten Verstehen der kindlichen Gefühlslage
das Kind so zu ermutigen, dass es sinnvollere und tragfähigere Lösungsstrategien
für sein Leben entwickelt.
Ich habe oft
erlebt, dass es im Verlauf von Monaten und Jahren möglich war, das Kind aus
seiner inneren Unruhe herauszubegleiten, so auch bei Julian. Der Erfolg ging
immer zu einem grossen Teil auch auf das Konto der Eltern, die sich anleiten
liessen, dem Kind anders zu begegnen und sich in das Kind und in ihre eigenen
Gefühle einzufühlen. Der Erfolg tritt immer dann ein, wenn das Kind in der
Beziehung zu den Eltern, zum Kinderarzt, zum Lehrer, zur Erzieherin, zum
Psychologen eine korrigierende emotionale Erfahrung macht. Das heisst, dass es
erlebt, dass man anders auf es eingeht, ihm anders begegnet, es anders sieht
als es das aufgrund seines inneren Modells erwartet. Das Kind anders zu sehen,
anders bei ihm mitzuschwingen, ihm Dinge zuzutrauen und ihm auch zu zeigen,
wie es einen konstruktiveren Weg in der Beziehung beschreiten kann, ist dann,
wenn diese Erfahrung von Dauer ist, der Weg der Veränderung.
Diese Alternativen
auszuschöpfen ist ein tragfähiger Weg im Umgang mit ADS
Vortrag, gehalten anlässlich der Tagung der
Internationalen Hippokratischen Gesellschaft am 23. März 2002 in Bregenz..
Emotionale
Hintergründe von Konzentrationsschwäche
und Hyperaktivität
von
Dr. Andreas Bau, Kinderarzt, Hamburg
Viele Mütter von
hyperaktiven Kindern berichten, dass ihre Kinder im Säuglingsalter
langanhaltend geschrieen haben, im Kleinkindalter über Tische und Bänke
gingen und im Kindergarten schwer zu lenken und auffallend unruhig waren. In
der Schule zeigten sie sich als Störenfried, Zappelphilipp oder als Träumer.
Welcher
Zusammenhang besteht zwischen frühkindlichen Erfahrungen und der später
auftretenden Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung?
Das tägliche
mehrere Stunden anhaltende exzessive Schreien von jungen Säuglingen ist
Kinderärzten und Kinderpsychologen eine geläufige Problematik. Die Säuglinge
werden als «Schreibabies» bezeichnet. Die medizinische Diagnose lautet
Dreimonats- oder Trimenonkolik. Je nachdem, wie die Mutter selbst emotional
auf diese Situation reagiert, kann sich hier in der sich entwickelnden
Mutter-Kind-Beziehung ungewollt eine Störung ergeben: Mütter, denen es nicht
gelingt, ihre schreienden Säuglinge zu beruhigen, geraten oft seelisch in
Not. Sie haben das Gefühl zu versagen, und sie stellen ihre natürliche Mütterlichkeit
in Frage. Nicht selten fühlt sich die Mutter von ihrem Baby abgelehnt oder
sogar kritisiert. Auch Zweifel an ihrer Mutterliebe kommen auf. Häufig suchen
die Mütter mit solchen Problemen als erstes die Praxis des Kinderarztes auf.
Zu den Ursachen des
Schreiens ist sehr viel Fachliteratur erschienen. Nach Ausschluss anderer
organischer Ursachen werden Darmkoliken, Blähungen, vielfältige Formen von
Allergien, zu hastiges Trinken mit Luftschlucken oder auch konstitutionelle
Faktoren verantwortlich gemacht. Die Liste der vermuteten Ursachen ist lang.
So ist auch die Liste möglicher Behandlungen lang. Die Säuglinge erhalten
sehr häufig Medikamente – die oft nicht helfen – oder werden mit
Spezialnahrung gefüttert. Leider wird die seelische Situation der Mütter oft
viel zu wenig erfasst, obwohl sie gerade in einer solchen, Kind und Mutter
belastenden Situation, besonderer Beachtung bedürfte.
Bei genauer
Beobachtung der Interaktion zwischen Mutter und Kind stellt der geschulte
Kinderarzt nämlich oft fest, dass die Mutter die Signale ihres Babys falsch
deutet und ihm kein adäquates Echo gibt.
Der junge Säugling
zeigt verschiedene Aufmerksamkeitsbedürfnisse. Diese gefühlsmässig richtig
zu erfassen und darauf richtig zu reagieren, ist für die Entwicklung von
Urvertrauen und einer sicheren Bindung von entscheidender Bedeutung. Die Möglichkeit,
seine Bindungsbedürfnisse auszudrücken, ist dem Säugling
evolutionsbiologisch in die Wiege gelegt. Darauf basiert die allmähliche
Integration des verhaltensbiologisch vorgegebenen Repertoires an Mitteilungen
innerer Zustände in eine allmählich sich entwickelnde Individualität. Der
sehr junge Säugling reagiert in dieser noch nonverbalen Entwicklungsphase auf
mangelnde Feinfühligkeit der Bindungsperson mit Weinen, Schreien,
Blickvermeidung, gelegentlich auch mit Nahrungsverweigerung. So geht er mit
Stress und Unbehagen um.
Auch wenn die
Mutter von aussen betrachtet ihre mütterliche Rolle erfüllt, kann es sein,
dass sie sich innerlich von ihrem Kind «abkoppelt». Sie lässt das Baby in
seiner kleinen oder grösseren Not allein und verstärkt dadurch sein Gefühl
des Unbehagens, der Unsicherheit oder der Einsamkeit. Das Baby kann – wenn
ein solcher Ablauf sich wiederkehrend einspielt – keine Erfahrung von
Sicherheit machen, kein Erleben eines prompten und adäquat-einfühlsamen
Gehalten- und Getröstetwerden entwickeln und internalisieren
(verinnerlichen). So kann sich ein inneres Modell, eine Erwartung heranbilden,
in Momenten der Not ganz auf sich zurückgeworfen zu sein – auch im späteren
Leben. Das Baby kann Kooperationsfähigkeit nur ungenügend ausbilden, da der
elterliche Anknüpfungspunkt hierfür fehlt. Später, wenn die Eltern das Kind
konsequent fordern oder nach dem Prinzip von Lohn und Strafe erziehen, lassen
sie das Kind oft wieder im Innersten einsam, unerfasst, haltlos.
Wie wichtig es ist,
dass Mütter die Äusserungen ihrer Babies richtig interpretieren,
dokumentieren die Erfahrungen einer speziellen Einrichtung in Hamburg: Eine
erfahrene Kinderpsychologin gibt Müttern von exzessiv schreienden Säuglingen
eine genaue Anleitung. Sie beobachtet gemeinsam mit der Mutter die Signale des
Babies und übersetzt sie. So lernt die Mutter, ihr Kind gefühlsmässig zu
verstehen und ihm richtige Antworten zu geben. Oft hören die Babies schon
nach einer Sitzung auf, übermässig zu schreien. Diese erlernbare Fähigkeit
der Mutter, die Signale ihres Kindes richtig zu interpretieren und dann ein
richtiges Echo darauf zu geben, ist für die Entwicklung von Urvertrauen und
einer sicheren Bindung von allergrösster Bedeutung.
Die
Entwicklungspsychologen, allen voran John Bowlby, seine Mitarbeiterin Mary
Ainsworth und andere haben über die frühe Interaktion zwischen Mutter und
Kind geforscht. Insbesondere haben sie die Ursachen für einen Mangel an
Urvertrauen und für eine unsichere Bindung untersucht und einen Zusammenhang
zur späteren Lebensbewältigung der Kinder hergestellt. Sie haben sich die
Frage gestellt, wie frühkindlich erworbene Bindungsmuster mit der späteren
Organisation der Persönlichkeit zusammenhängen.
Der zentrale Befund
der Untersuchungen von Ainsworth ist: Kinder, deren Mütter auf ihre Signale
im ersten Jahr feinfühlig, das heisst prompt und angemessen, reagierten,
erwiesen sich als Einjährige in einer fremden Situation als sicher gebunden.
In einer anderen Untersuchung zeigte sich, dass Kinder, die mit einem Jahr an
ihre Mutter sicher gebunden waren, als Zehnjährige eher über ein festes
Freundschaftsnetz verfügten, häufiger einen «besten Freund» oder eine «beste
Freundin» sowie weniger Probleme mit Gleichaltrigen hatten als die Kinder,
die mit einem Jahr als unsicher gebunden klassifiziert worden waren.
Es gibt eine Reihe
von Studien, die belegen, dass Kinder, die über eine sichere emotionale Basis
verfügen, sich – unabhängig von ihren tatsächlichen Fähigkeiten –
engagierter in Aufgaben vertiefen, zuversichtlicher und kooperativer und
dadurch auch erfolgreicher sind als unsicher gebundene Kinder.
Durch hohe
kognitive Anforderungen können Gefühle bzw. Gefühlskonflikte aktiviert
werden – diese emotionale Belastung kann bei unsicher gebundenen Kindern die
Auseinandersetzung mit der kognitiven Anforderungsituation verhindern. Dies
erhellt auch, warum hyperaktive Kinder in einer Zweierbeziehung oder in
kleinen gut strukturierten Gruppen kaum unruhig sind, weil sie in emotional
schwierigeren Situationen auf die Bezugsperson zurückgreifen können. Dagegen
kommt die Nervosität der Kinder in Kindergärten, in denen die Kinder wenig
angeleitet werden oder in Schulklassen, in denen sehr offen unterrichtet wird,
voll zum Tragen. Die Kinder brauchen eine feste, verbindlich handelnde
Bezugsperson, die emotional verbindliche Rückmeldung gibt.
Welche Grundlagen
ermöglichen die Entwicklung eines stabilen, ausgeglichenen und von Zuversicht
in der Alltagsbewältigung getragenen Persönlichkeitskerns?
Das Neugeborene,
der Säugling und das Kleinkind brauchen das Erlebnis, dass die Mutter sie
versteht in ihrer Freude, in ihrem Kummer, in ihrem Stolz, in ihrer Angst, in
ihrem Ärger, in ihrem Ehrgeiz und in ihrer wachsenden Selbständigkeit – überhaupt
in all ihren Regungen und Gefühlsschattierungen. Gerade auch in dem noch
unausgereiften Ausleben der Gefühle, in den Momenten der Unruhe und Bedürftigkeit
ist das Kind existentiell darauf angewiesen, dass die Mutter innerlich bei ihm
bleibt. Das Kind braucht ihre Hilfe, um bessere Lösungsmöglichkeiten zu
entwickeln als zum Beispiel einem anderen Kind etwas aus der Hand zu reissen
oder es an den Haaren zu ziehen, wenn es auf seinen Kontaktwunsch nicht
eingeht. Hier ist die Mutter gefordert, um es mit einem Begriff von A.
Buchholz zu sagen, in freier Fühlungnahme zu beobachten, was der innere
Ablauf bei ihrem Kind sein mag, in einer vom ruhigen Gefühl getragenen
Stimmung mit dem Kind zu sprechen und ihm Lösungsmöglichkeiten vorzuleben
und neu zu eröffnen – frei von Zwang und innerer Distanz.
Geht die Mutter
innerlich auf Abstand zu den kindlichen Unbehagensäusserungen und lehnt es
dafür ab, weil zum Beispiel ihre eigene Gangart im Leben eine angepasstere
ist, weil sie selbst ängstlicher ist oder in der Erziehungshaltung dem Kind
keine Orientierung gibt, vergrössert sich die Not des Kindes und die Nervosität
ufert aus. Dies beobachtet man öfter bei aktiveren Kindern, die schliesslich
als Zappelphilipp auffallen. Stillere Temperamente ziehen sich in sich selbst
zurück und flüchten in Tagträume («Aufmerksamkeitsstörung ohne
Hyperaktivität»).
Gerade in der
Entwicklungsphase der ersten zwei Lebensjahre ist das adäquate Echo auf die
Gefühle des Kindes enorm wichtig. Denn hier differenziert das Kind seine Gefühle
aus. Hier erlebt es: «Ich werde verstanden in meinen Gefühlen.» Oder: «Ich
bleibe in meiner inneren Welt allein, weil ich in meinen Gefühlen nicht
verstanden werde.» Aus klinischen Studien von Kindern, deren Mütter unter
Depressionen litten, weiss man, dass diese Erfahrung für das Kind eine innere
Orientierung auch in anderen menschlichen Beziehungen ist: das Gefühl, nicht
verstanden zu werden. Ähnliche Gefühle des auf sich Zurückgeworfen-Seins können
auch aus einer anders motivierten inadäquaten Haltung der Mutter, zum
Beispiel eigener Ängstlichkeit oder Angepasstheit, resultieren. Dem Kind
fehlt dann der innere Fixpunkt, die verinnerlichte liebevolle Beziehung zu den
Eltern ist dann zu wenig ausgeprägt. Die Nervosität, das Erscheinungsbild
der sogenannten Hyperaktivität, ist nur das Symptom, das Anzeichen, dass
etwas im seelischen Haushalt des Kindes nicht stimmt. Die zugrundeliegenden,
wie auch immer gelagerten Gefühle, die im Wechselspiel mit den Eltern
ausdifferenziert wurden, sind das eigentlich Interessante. Wenn das Kind und
die Eltern hierin Hilfestellung erfahren, beruhigen sich auch Symptome wie
Hyperaktivität oder Unaufmerksamkeit.
Massive
Zunahme an Ritalinverschreibungen
zf. Das Bundesamt für
Gesundheit der Schweiz (BAG) hat in den letzten Jahren eine massive Ausweitung
der Verwendung von Ritalin® (Methylphenidat) festgestellt. Ritalin unterliegt
der Betäubungsmittelkontrolle. Aufgrund der alarmierenden Zunahme liess das
Bundesamt im Kanton Neuenburg eine Analyse der Methylphenidat-Verschreibungen
zwischen 1996 und 2000 durchführen. Dort stieg die verschriebene Gesamtmenge
von 1996 bis 2000 um 690 Prozent, hat sich also innerhalb von vier Jahren
beinahe versiebenfacht! Die Zahl der Patienten kletterte in derselben Zeit um
470 Prozent, die Dosis pro Patient um 41 Prozent. Die überwiegende Mehrzahl
der Rezepte betraf Kinder zwischen 5 und 14 Jahren, mehrheitlich Knaben. Die
Situation dürfte sich laut BAG nicht wesentlich von der gesamtschweizerischen
Situation unterscheiden.
Quelle: Betäubungsmittel: Entwicklung der Anzahl
Verschreibungen für RITALIN® (Methylphenidat) im Kanton Neuenburg zwischen
1996 und 2000. BAG-Bulletin
15, 8. April 2002, S. 284-288.
Uno
besorgt über Ritalinboom
zf. Der
International Narcotics Control Board INCB, die Drogenkontrollbehörde der
Uno, weist in ihrem Bericht 1999 besorgt darauf hin, dass der Gebrauch der
stimulierenden psychotropen Substanzen Methylphenidat (Ritalin®) und
Amphetamin zur Behandlung von ADD (Aufmerksamkeitsstörung) in vielen Ländern
rasant zugenommen hat. Beide Substanzen fallen unter das Betäubungsmittelgesetz.
Die USA sind laut der Uno-Behörde mit mehr als 80 Prozent des weltweiten
Verbrauchs weiterhin an der Spitze.
In einzelnen
amerikanischen Schulen nehmen bis zu 30 Prozent der Schüler Stimulantien.
Auch die illegale Verwendung unter amerikanischen Jugendlichen hat extrem
zugenommen. Meistens werden die Tabletten von den Jugendlichen zermahlen und
geschnupft. Die Uno-Behörde fordert die USA dringend auf, die
Verschreibungspraxis von Ritalin und anderer Stimulantien sowie die Diagnosehäufigkeit
von ADD genau zu überwachen.
Laut INCB-Bericht
waren 1998 die Länder mit den höchsten Verschreibungsraten die USA und
Kanada, gefolgt von Neuseeland, den Cayman-Inseln (britisch), Spanien,
Australien, Island, Costa Rica, Grossbritannien, Norwegen, Holland, der
Schweiz, Israel, Belgien und Deutschland. Wenn die Verschreibungshäufigkeit
in diesen Ländern weiterhin so ansteigt wie in den letzen Jahren, könnte der
Konsum schon in naher Zukunft ähnlich hoch sein wie in den USA, warnt der
INCB.
Quelle:
International Narcotics Control Board. Report 1999. United Nations. New
York 2000.
Michael
ein Fallbeispiel
ab. Michael* ist
acht Jahre alt und besucht die zweite Klasse. Er hat einen vierjährigen
Bruder. Vor drei Jahren wurde bei Michael die Diagnose «Hyperkinetisches
Syndrom mit Aufmerksamkeitsdefizit» gestellt. Seine Eltern haben sich
geweigert, ihn mit Ritalin behandeln zu lassen, obwohl der Vorschlag bereits
von verschiedenen Instituten und von der Lehrerin gemacht wurde. Sie waren
auch in einer kinderärztlichen Spezialpraxis für Kinder, die in der
Entwicklung auffällig sind. In dieser Praxis werden ungefähr 3000 Kinder mit
Ritalin behandelt. Michaels Mutter und Vater sind Akademiker. Sie stellen an
ihn sehr hohe Ansprüche und kritisieren ihn für jeden noch so kleinen Fehler
– auch in Gegenwart des kleinen Bruders. Michael wacht fast jede Nacht
mehrmals mit Alpträumen auf. In der Schule ist er sehr unaufmerksam, lässt
sich leicht ablenken und stört oft den Unterricht. Obwohl die Mutter regelmässig
mit ihm Schularbeiten macht und viel mit ihm lernt, macht er in der Schule in
den schriftlichen Arbeiten viele Fehler. Die Stimmung zu Hause beim Lernen ist
nervös. Die Eltern haben mit ihrem Kinderarzt wiederholt über die Frage
gesprochen, wie man dem Sohn helfen kann. Sie konnten die verschiedenen
Vorschläge des Kinderarztes nicht annehmen. Sie blieben bei ihrer Meinung,
dass das Verhalten ihres Sohnes in den Genen festgelegt sei. Die Mutter sei
auch nervös gewesen, habe aber trotzdem recht gut lernen können. Sie kämen
aus Polen und wären mehrsprachig aufgewachsen und hätten schliesslich die
Schule gut gemacht. Ihrem Sohn stünde alles zur Verfügung, er müsste sich
nur hinsetzen. Sie verstünden nicht, dass er das nicht täte, obwohl sie es
ihm schon so oft gesagt hätten.
Nachdem sich die
Situation in der Schule und das Verhalten zu Hause weiter verschlechtert
hatten, suchen die Eltern erneut den Kinderarzt auf. Er spricht sehr deutlich
mit den Eltern. Er fordert sie auf, sofort mit der Kritik an Michael aufzuhören.
Kritik sei Gift für ihn. Sie sollen den Sohn mit dem Lernen in Ruhe lassen. Für
Michael wäre es gut, wenn sie ihn mit seiner Lebhaftigkeit ins Herz
schliessen. Sie sollen die positiven Ansätze bei ihrem Sohn herausfinden und
bejahen.
Das Echo der Mutter
ist zurückhaltend, der Vater schweigt. Der Kinderarzt ist nicht sicher, ob
sie vielleicht zu einem anderen Arzt wechseln.
Nach drei Monaten
kommt die Mutter wieder und berichtet, dass sich das Verhalten von Michael völlig
geändert habe. Er sei ruhiger geworden, habe Freude an der Schule bekommen
und schreibe gute Arbeiten. Zu Hause gebe es mit dem kleinen Bruder viel
weniger Streit als vorher. Sie habe den Eindruck, der Familienfriede sei
wieder eingekehrt.
Auf die Frage des
Kinderarztes, was sich geändert habe, erzählt die Mutter: Die deutliche
Ansprache des Kinderarztes habe sie aufgerüttelt. Da sie bisher ohne Erfolg
alles probiert habe, habe sie den Vorschlag des Arztes, den Sohn nicht mehr zu
kritisieren, als letztes Mittel gesehen. Auch habe Michael seit vier Monaten
eine neue Lehrerin. Diese habe ihn vom ersten Tag an ins Herz geschlossen. Sie
freue sich über seine positiven, lebhaft eingebrachten Beiträge im
Unterricht. Michael helfe auch gerne anderen Schülern und sei sehr
aufgeweckt. Diese Lehrerin habe ein völlig anderes Bild von Michael als die
vorherige Lehrerin. Interessant ist, dass sie den Unterricht wohlwollend, aber
klar führt. Die Mutter ist nachdenklich geworden. Sie überlegt, was
eigentlich zur Veränderungen in Michaels Verhalten geführt hat. Am meisten
freue sie, dass Michael kein Ritalin nehmen musste.
* Name und Umstände
von der Redaktion geändert.
Ritalin und der
Zappelphilipp
Zappelkinder sind für Eltern, Lehrer und Mitschüler eine Last. Sie als
hyperaktiv zu bezeichnen, ist aber eigentlich falsch. Ihr Problem besteht vor
allem in ihrer Unfähigkeit sich auf eine Sache zu konzentrieren. Viele
Symptome der Erkrankung sind darauf zurückzuführen. Nach dem Urteil von
Lehrern sind bis zu 18% der Kinder in deutschen Grundschulen hyperkinetisch/ aufmerksamkeitsgestört.
Um eine hyperkinetische Störung zu diagnostizieren, müssen Informationen aus
mindestens zwei Lebensbereichen eingeholt werden (aus der Schule, vom
Kindergarten oder von den Eltern). Die Symptome sind in fremdbestimmten
Situationen (in der Schule) meist ausgeprägter als in selbstbestimmten
Situationen (beim Spielen).
Die Behandlung erfolgt in Deutschland auf verschiedenen Ebenen:
Verhaltenstherapie, psychosoziale Intervention und Pharmakotherapie. Letztere
wird in der Regel nur eingesetzt, wenn das Kind nicht mehr in der Lage ist zur
Schule zu gehen. Das betrifft ungefähr ein Drittel der hyperkinetischen
Kinder. Das verwendete Medikament heißt Ritalin und unterliegt dem Betäubungsmittelgesetz.
Es hat verhältnismäßig wenig Nebenwirkungen, die schnell abklingen, wenn
das Medikament abgesetzt wird.
Eine der Nebenwirkungen ist Appetitlosigkeit. Der behandelnde Arzt muss das
Gewicht der Kinder kontrollieren. Der Wirkstoff Methylphenidat spricht sehr
schnell an. Er ist schon 30 bis 45 Minuten nach der Einnahme aktiv, seine
Wirkung ist nach vier bis sieben Stunden völlig abgeklungen. Viele Kinder
nehmen Ritalin schon beim Aufstehen und sind dadurch in der Schule
konzentriert. Wenn sie nach Hause kommen, klingt das Medikament ab und die
Kinder haben wieder Appetit.
In Deutschland scheuen sich viele Ärzte, die Betäubungsmittelrezepte für
Ritalin auszufüllen. Einige Kinder sind dadurch untertherapiert. Als
alleinige Therapie taugt das Medikament aber nicht. Es hat keinen heilenden
Effekt, sondern lindert nur die Symptome. Über die langfristigen Folgen einer
Ritalinbehandlung ist außerdem noch nichts bekannt. Zusätzlich zur
Behandlung mit Ritalin sollte der Arzt deswegen unbedingt eine
Verhaltenstherapie durchführen. Die ist jedoch relativ aufwendig und teuer.
Vielleicht auch ein Grund, warum in den USA Verschreibungen von Ritalin in den
letzten zehn Jahren um siebenhundert Prozent gestiegen sind. Eine Pille ist
billiger als eine Verhaltenstherapie. In manchen amerikanischen Schulen wird
das Medikament bedenkenlos an auffällige Kinder verteilt. Es ist fraglich, ob
tatsächlich all diese Kinder an einer hyperkinetischen Störung leiden.
Kristin Raabe
Methylphenidate (Ritalin)
Methylphenidate is a medication prescribed for individuals (usually
children) who have an abnormally high level of activity or attention-deficit
hyperactivity disorder (ADHD). According to the National Institute of Mental
Health, about 3 to 5 percent of the general population has the disorder, which
is characterized by agitated behavior and an inability to focus on tasks.
Methylphenidate also is occasionally prescribed for treating narcolepsy.
Health Effects
Methylphenidate is a central nervous system (CNS) stimulant. It has effects
similar to, but more potent than, caffeine and less potent than amphetamines.
It has a notably calming effect on hyperactive children and a "focusing"
effect on those with ADHD.
Recent research1 at Brookhaven
National Laboratory may begin to explain how methylphenidate helps people with
ADHD. The researchers used positron emission tomography (PET - a noninvasive
brain scan) to confirm that administering normal therapeutic doses of
methylphenidate to healthy, adult men increased their dopamine levels. The
researchers speculate that methylphenidate amplifies the release of dopamine,
a neurotransmitter, thereby improving attention and focus in individuals who
have dopamine signals that are weak, such as individuals with ADHD.
When taken as prescribed, methylphenidate is a valuable medicine. Research
shows that people with ADHD do not become addicted to stimulant medications
when taken in the form prescribed and at treatment dosages.2
Another study found that ADHD boys treated with stimulants such as
methylphenidate are significantly less likely to abuse drugs and alcohol when
they are older than are non-treated ADHD boys.3
Because of its stimulant properties, however, in recent years there have
been reports of abuse of methylphenidate by people for whom it is not a
medication. Some individuals abuse it for its stimulant effects: appetite
suppression, wakefulness, increased focus/attentiveness, and euphoria. When
abused, the tablets are either taken orally or crushed and snorted. Some
abusers dissolve the tablets in water and inject the mixture - complications
can arise from this because insoluble fillers in the tablets can block small
blood vessels.
Trends in Ritalin Abuse
At their June 2000 meeting, members of NIDA's Community Epidemiology Work
Group (CEWG)* shared the following information.
- The abuse of methylphenidate has been reported in Baltimore, mostly
among middle and high schools students; Boston, especially among middle
and upper-middle class communities; Detroit; Minneapolis/St. Paul;
Phoenix; and Texas.
- When abused, methylphenidate tablets are often used orally or crushed
and used intranasally.
- In 1999, 165 methylphenidate-related poison calls were made in Detroit;
419 were reported in Texas, with 114 of those involving intentional misuse
or abuse.
- On Chicago's South Side, some users inject methylphenidate (this is
referred to as "west coast"). Also, some mix it with heroin (a
"speedball") or in combination with both cocaine and heroin for
a more potent effect.
Because stimulant medicines such as methylphenidate do have potential for
abuse, the U.S. Drug Enforcement Administration (DEA) has placed stringent,
Schedule II controls on their manufacture, distribution, and prescription. For
example, DEA requires special licenses for these activities, and prescription
refills are not allowed. States may impose further regulations, such as
limiting the number of dosage units per prescription.
For more information on treating ADHD, please call the National Institute
of Mental Health, National Institutes of Health, at 301-443-4513 or visit
their Internet address at www.nimh.nih.gov.
* This fact sheet highlights information from the June 2000 meeting of
NIDA's Community Epidemiology Work Group (CEWG). CEWG members meet twice
yearly to share emerging trends in drug abuse for 21 major U.S. metropolitan
areas. CEWG reports are on NIDA's website at www.drugabuse.gov.
1 Nora Volkow, et al., Therapeutic
Doses of Oral Methylphenidate Significantly Increase Extracellular Dopamine in
the Human Brain, The Journal of Neuroscience, 2001, 21:RC121:1-5.
2 Nora Volkow, et al., Dopamine
Transporter Occupancies in the Human Brain Induced by Therapeutic Doses of
Oral Methylphenidate, Am J Psychiatry 155:1325-1331, October 1998.
3 Joseph Biederman, et al.,
Pharmacotherapy of Attention-deficit Hyperactivity Disorder Reduces Risk for
Substance Use Disorder, Pediatrics 1999 104:e20.
Stand: 27.10.2006
[Infofax
Index]
|